Wirtschaften mit sozialer Verantwortung: Die Gemeinwohl-Ökonomie

Von nun an also wird uns Kathrin in unserer neuen Blogreihe wirtschaftliche und politische Wege aufzeigen, die die Ökologie weit mehr in den Fokus rücken wird, als es bisher der Fall ist. Hierbei möchten wir euch Anregungen geben. Kann man auch anders und wesentlich ökologischer wirtschaften und trotzdem Erfolg haben? Kann man den Erfolg eines Unternehmens auch anders berechnen als die Höhe des Absatzes oder die verkauften Einheiten? Und wenn wir unsere Ökonomie anders denken würden- wie sähe diese dann aus?


Deswegen müssen wir darüber sprechen

Mal angenommen, wir wollen, wie ca 80 % der Deutschen, eine andere Wirtschaftsordnung. Eine Wirtschaft, in der wir uns als Menschen gesehen fühlen – und die unsere Umwelt nicht weiter ruiniert.  Wie definieren wir ihren Erfolg? Was verstehen wir konkret darunter, wenn wir nicht mehr nur das Bruttoinlandsprodukt als Zielwert nehmen? Die Antwort darauf hat einen entscheidenden Einfluss auf die Art und Weise unseres Handelns. Eine Möglichkeit ist es, das Gemeinwohl zum Ziel des Wirtschaftens zu machen. Das tut die „Gemeinwohlökonomie“ (kurz GWÖ), die wir uns hier anschauen wollen.

Die Gemeinwohl-Ökonomie

„In einer echten „Ökonomie“ ist das Geld nur Mittel zum Zweck. Schaffen wir es, die wirtschaftliche Erfolgsmessung auf das Ziel zu richten, fließt die menschliche Kreativität in die Mehrung des Gemeinwohls. Dann stimmen Wirtschaft und Werte zusammen!“

Christian Felber, Autor „Gemeinwohl-Ökonomie“

Sie hat ihren Anfang in Österreich. Impulsgeber und Vordenker ist der Österreicher und Publizist Christian Felber. Er erarbeitete mit einer Gruppe von Unternehmer:innen ein Modell, das er 2010 in seinem Buch „die Gemeinwohl-Ökonomie“ vorstellte.

Darin vertritt Felber die Meinung, dass unser jetziges Wirtschaftssystem auf dem Kopf steht. „Das Geld ist zum Selbst-Zweck geworden, statt ein Mittel zu sein für das, was wirklich zählt: ein gutes Leben für alle.“ 

Wie kommt Wirtschaft zurück auf die Füße?

Um die zerstörerische Kraft freier Marktwirtschaft zu zähmen, will die Gemeinwohlökonomie unternehmerisches Handeln in die soziale, ökologische und gesellschaftliche Verantwortung nehmen.

Sie gestaltet damit einen Wechsel der Werte in der Wirtschaft. Sie tritt ein für eine ethische und liberale Marktwirtschaft, die nicht mehr den Profit sondern stattdessen das Gemeinwohl maximieren will, und die nicht mehr Konkurrenzkampf sondern stattdessen Kooperation fördert.

Welche Werte stehen in der Gemeinwohl-Ökonomie im Vordergrund?

IM Vordergrund einer Gemeinwohl-Ökonomie stehen folgende vier Werte:

  • Menschenwürde, 
  • Solidarität und Gerechtigkeit,
  • ökologische Nachhaltigkeit,
  • Transparenz und Mitentscheidung

Sie sind an bestehende Vereinbarungen orientiert, wie der Erklärung der Menschenrechte und unseren demokratischen Grund- und Verfassungswerten. Daneben flossen auch die Erkenntnisse der Wissenschaften ein über unser Beziehungswesen, grundlegende ethische Werte oder Fakten über die planetaren Grenzen.

Und wer merkt etwas davon?

Im Idealfall merken alle etwas von der Gemeinwohl-Ökonomie, die mit dem Gemeinwohl-Unternehmen zusammen arbeiten:

  • Lieferant:innen
  • Eigentümer:innen und Finanz-Partner:innen
  • Mitarbeitende
  • Kund:innen und Mitunternehmen
  • das gesellschaftliche Umfeld

Die Gemeinwohlbilanz als Grundlage

So entstand die Gemeinwohl-Matrix mit 20 zu bewertenden Feldern: Ein Werkzeug, das es sowohl Einzelpersonen wie Unternehmen, Institutionen, oder auch Kommunen erlaubt, ihr Handeln in Bezug auf das Gemeinwohl zu prüfen: In einer Gemeinwohlbilanz. Für alle Felder gibt es Umsetzungsstufen, für die es auch ein Punktesystem gibt. Damit wird der aktuelle Stand eines bilanzierenden Unternehmens sichtbar.

Die Gemeinwohlbilanz

Welche Vorteile kann eine Gemeinwohl-Bilanz bringen?

Ein Unternehmen, das sich auf den Prozess der Bilanz einlässt, bekommt einen umfassenden Überblick über sein Nachhaltigkeitsmanagement, vertieft die Kooperation mit Geschäftspartner:innen  und steigert die Motivation der Mitarbeiter:innen. Mit Blick auf sein Entwicklungspotential bietet es Raum für Innovationsimpulse. 

Nach außen wird der gesellschaftliche Beitrag seiner Produkte sichtbar – was auf dem Arbeitsmarkt ein Magnet für Fachkräfte sein kann – grade junge Menschen suchen eine sinnvolle Arbeit in einem nachhaltigen Unternehmen mit gesellschaftlicher Mission.

Wer ist bereits bei der Gemeinwohlbilanzierung dabei?

Deutschlandweit haben sich bereits mehr als 200 Unternehmen in der Gemeinwohl-Ökonomie bilanzieren lassen, darunter Sparkassen, Hotels, der Bergsport-Ausstatter Vaude, eine Krankenkasse, Hochschulen, ein Gerüstbauer, der Buchhandel Buch7. In Münster sind es z.B. die Bäckerei Cibaria oder der Möbelhersteller Baldauf. Im Kreis Höxter sind seit 2020 gleich 3 ganze Städte gemeinwohl-bilanziert.

Seit einigen Jahren gibt es einen „GWÖ Regionalverbund Münsterland“. Für einen Paukenschlag hat in diesem Jahr die Stadt Münster selbst gesorgt. Die Koalition von Bündnis 90/die Grünen, SPD und Volt hat in ihrem Koalitionspapier die Etablierung der Gemeinwohl-Ökonomie zum festen Bestandteil und Maß ihres Handelns gemacht:

  • Bei der Vergabe von Aufträgen sollen Unternehmen bevorzugt werden, die einen Beitrag zum Gemeinwohl leisten.
  • Es wird eine zentrale Anlaufstelle für Gemeinwohlökonomie geschaffen. Sie soll Konzepte für Münster erarbeiten und diese gemeinsam mit privaten Unternehmen umsetzen.
  • Es wird ein Förderprogramm mit dem Ziel aufgelegt, dass Unternehmen mit Sitz in Münster eine Gemeinwohlbilanz erstellen. Perspektivisch werden auch kommunale Zuwendungen daran ausgerichtet, dass Unternehmen eine Gemeinwohlbilanz vorlegen.
  • Die Vergabe von Gewerbeimmobilien wird sich zukünftig in steigendem Maße an Gemeinwohlkriterien ausrichten.
  • Die Stadt selbst wird mit gutem Beispiel vorangehen: Alle städtischen Unternehmen (z.B. die Stadtwerke) werden mit dem Geschäftsjahr 2022 eine Gemeinwohlbilanz durch ein unabhängiges Auditoring erstellen lassen.

Und JETZT?

Wie steht es mit meinem Beitrag zum Gemeinwohl aus?

Falls du dir nach dem Lesen diesen Beitrages auch die Fragen stellst – finde es heraus:

  • Nimm die Möglichkeit war, einen Gemeinwohl-Selbsttest als Einzelperson zu machen. Den Link findest du in den Quellen.
  • Auf der Seite der Gemeinwohlökonomie findet sich eine „Was kann ich tun-Tabelle“ für Privatpersonen. Diese kannst du als Anregung mitnehmen, um selbst aktiv zu werden

Und falls du Fragen hast oder bei der Etablierung der Gemeinwohl-Ökonomie in Coesfeld mitarbeiten möchtest, bist du herzlich eingeladen, dich bei uns zu melden. Wir sind Teil der Regionalgruppe Münsterland und freuen uns auf Unterstützung.


Quellen

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