Überall heißt es nun Klimaneutralität – aber was steckt dahinter?

Die Deutsche Post DHL Group möchte alle Emissionen bis 2050 netto auf null zu reduzieren („Mission 2050“). Der Textilhersteller VAUDE ist „ab dem 1. Januar 2022 mit allen weltweit hergestellten Produkten klimaneutral“ und auch Arla Foods gibt an, „bis 2050 die Netto-Null-Emissionen zu erreichen.“ Auch die Deutsche Bank wirbt damit: Klimaneutralität. Dieses Wort begegnet uns im Alltag oft an ganz verschiedenen Stellen. Aber was bedeuten diese Fachbegriffe eigentlich? Und: Ist das tatsächlich gut für unser Klima?

Deswegen müssen wir darüber sprechen

„Sollen die Folgen der globalen Erwärmung noch in kontrollierbaren Bahnen bleiben, muss der Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzt werden. Dazu müsste Deutschland noch vor 2040 klimaneutral werden„, so sagt es Klimaforscher Dr. Volker Quaschning. Deutschlands Langfristziel ist es, bis zum Jahr 2050 weitgehend treibhausgasneutral zu werden.

Was heißt Klimaneutral?

Definition Klimaneutralität laut IPCC: Konzept eines Zustandes, in dem menschliche Aktivitäten zu keinem Nettoeffekt auf das Klimasystem führen. Dieser Zustand wird erreicht, wenn die verbliebenen Emissionen durch Aufnahme von CO₂ in Senken ausgeglichen werden und regionale oder lokale biogeophysikalische Auswirkungen menschlicher Aktivitäten berücksichtigt werden, die z.B. das lokale Klima beeinflussen.

Im Grunde bedeutet der Begriff klimaneutral erst einmal, dass durch das Produkt oder die Dienstleistung die Menge an klimaschädlichen Gasen in der Atmosphäre nicht erhöht wird. Es geht also darum, die Treibhausgas-Emissionen der Welt auf null zu bringen. Ökosysteme wie Bäume und Moore können aber eine gewisse Menge an CO₂ binden. Außerdem sind – bislang allerdings hochumstrittene – Technologien in Arbeit, die der Atmosphäre CO2 nachträglich entziehen können. 

„Klimaneutral“ ist also auf den ersten Blick eine gute Sache. Ein wesentlicher Unterschied besteht jedoch darin, wie klimaschädliche Gase vermieden werden. Hier ein Beispiel: Auf ihrer Webseite erklärt die Deutsche Bank stolz: „Die Deutsche Bank will negative Auswirkungen auf die Umwelt so gering wie möglich halten und arbeitet seit 2013 klimaneutral. Auch den Verbrauch von Ressourcen wie Wasser oder Papier reduzieren wir kontinuierlich.“ Gleichzeitig jedoch investiert das Unternehmen weiterhin in Kohlebergbau und Ölindustrie.

Wie kann man Klimaneutralität schaffen?

  1. Klimaneutraler Lebenszyklus. Das Unternehmen passt seine Prozesse der gesamten Lieferkette an. Hierbei werden dann beispielweise klimafreundliche Rohstoffe genutzt und auch der Versand erfolgt z.B. mit einem Lastenrad. Dieses Vorgehen ist aktuell kaum möglich bzw. viel zu teuer. 

  2. Klimaneutral durch Kompensation. Hierbei werden die Klimagasemissionen aufgerechnet und das Unternehmen bezahlt eine Summe x an eine Organisation und erhält dafür ein Zertifikat. Diese Organisation wiederum fördert Projekte, die sich für den Klimaschutz einsetzen. Dies passiert meist in Schwellen- oder Industrieländern. Bekanntestes Beispiel in Deutschland ist atmosfair, ein vom Forum „anders reisen“ und der Entwicklungsorganisation „Germanwatch“ entwickeltes Angebot zur Kompensation der durch Flugreisen freigesetzten Klimagase. 

Fun Fact: Auch Elektroautos sind übrigens nicht „klimaneutral“. Sie sind „lokal emissionsfrei“, verursachen also CO₂ wenigstens nicht dort, wo sie fahren.

Ist Co2-Neutralität und Klimaneutralität das Gleiche? Und was heißt Net-Zero?

Im Zusammenhang mit der Bewältigung des Klimawandels gibt es also unterschiedliche Fachbegriffe mit unterschiedlichen Definitionen. Anbei eine kleine Auflistung übersetzt aus einem IPPC Glossar aus dem Jahre 2018:

  • Netto-Null-CO2-Emissionen (im Englischen Net zero CO2 emissions) wird erreicht, wenn die anthropogenen CO₂-Emissionen global ausgeglichen werden durch anthropogene CO₂-Entnahmen über einen bestimmten Zeitraum. Netto Null CO₂ -Emissionen werden auch als CO₂-Neutralität bezeichnet.
  • Netto-Null-Emissionen (im englischen Net zero emissions): werden erreicht, wenn anthropogene Emissionen von Treibhausgasen, die in der Atmosphäre sind, durch anthropogene Entnahmen über einen bestimmten Zeitraum ausgeglichen sind. Wo mehrere Treibhausgase beteiligt sind, hängt die Quantifizierung von Netto-Null -Emissionen von der zum Vergleich der Emissionen gewählten Klimametrik verschiedener Gase ab. (z. B. Treibhauspotenzial, globale Temperatur, Veränderungspotential und andere sowie der gewählte Zeithorizont).
  • Negative Nettoemissionen: Eine Situation negativer Nettoemissionen wird erreicht, wenn durch menschliche Aktivitäten mehr Treibhausgase aus der Atmosphäre entfernt werden, als in sie emittiert wird. Wenn mehrere Treibhausgase beteiligt sind, hängt die Quantifizierung negativer Emissionen von der Klimametrik ab, die gewählt wurde, um die Emissionen verschiedener Gase zu vergleichen (z. B. Treibhauspotenzial, globales Temperaturänderungspotenzial und andere, sowie vom gewählten Zeithorizont).

Wann ist eine Stadt Klimaneutral?

Klimaneutral ist eine Stadt dann, wenn sie einen Ausstoß von Treibhausgasen erzeugt, der das Weltklima unter der schädlichen Schwelle einer Erderwärmung von 2 Grad halten kann, auch wenn die Weltbevölkerung im Jahr 2050 auf die prognostizierten 9 Milliarden anwächst. Es sind somit alle Prozesse gemeint, die keine Treibhausgase ausstoßen oder deren Emissionen vollständig kompensiert werden können und damit keine klimaschädliche Wirkung besitzen.

Im Klimaapassungskonzept der Stadt Coesfeld fällt das Wort Klimaneutralität gar nicht. Auch C02-Neutralität ist hier nicht angegeben. Das Wort „klimafreundlich“ fällt zu mindestens 23 Mal. 

Die Stadt Münster gehört in seiner Vorreiterrolle offiziell zum Kreis der 22 „Masterplan-Kommunen 100 % Klimaschutz“. 2019 rief die Stadt den Klimanotstand aus und setzte sich zum Ziel, möglichst schon bis 2030 Klimaneutralität zu erreichen. Im Vergleich zu 1990 müssen dafür die Treibhausgasemissionen um 95 % und der Endenergieverbrauch um rund 70 % sinken.
Derzeit haben im Übrigen fünf EU-Mitgliedstaaten das Klimaneutralitätsziel rechtlich formuliert: Schweden möchte bis 2045 Netto-Null-Emissionen erreichen; Dänemark, Frankreich, Deutschland und Ungarn bis 2050.

Und JETZT?

Aktuell gibt es keinen rechtlichen Rahmen für die Verwendung des Begriffs „klimaneutral“. Damit bleibt uns Verbrauchern erst einmal nichts anderes übrig, als ganz genau hinzuschauen. Utopia gibt folgende Tipps:

  • Lass dich vom Begriff nicht einwickeln: Klimaneutral kann vor allem ein Marketing-Begriff sein, welche Benutzung des Begriffs heute und auf absehbare Zeit auch kein Gesetz verhindert. Dennoch können Unternehmen es mit solchen Angaben im Rahmen des derzeit Machbaren sehr wohl ernst meinen.
  • Achte darauf, ob Firmen ausdrücklich Auskunft darüber geben, WIE sie die Klimaneutralität ihrer Produkte gewährleisten oder auf welche Unternehmensbereiche sie sich dabei beziehen.
  • Nutze den gesunden Menschenverstand: Kann Fliegen oder Kaffee aus anderen Kontinenten wirklich klimaneutral sein? Wann wäre Schadensvermeidung besser als Schadenskompensation?
  • Denke ganzheitlich: Zum Beispiel der „klimaneutrale Coffee-to-go-Becher“: Ja, er ist klimaneutral (durch Kompensation). Das ist besser als ohne. Aber es ist eben immer noch ein Wegwerfbecher, der Berge von Müll hinterlässt und Ressourcen nicht sinnvoll verbraucht, sondern unnötig verschwendet.

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