Die Klimaneutralität und der Kaffeebecher

Die Deutsche Bank und auch der DHL werben damit: Klimaneutral. Dieses Wort begegnet uns im Alltag oft an ganz verschiedenen Stellen. Mittlerweile gibt es klimaneutrale Kaffeebecher, klimaneutrale Fotobücher oder den klimaneutralen Honig. Aber was bedeutet das eigentlich? Und: Ist das tatsächlich gut für unser Klima?


Deswegen müssen wir darüber sprechen

„Sollen die Folgen der globalen Erwärmung noch in kontrollierbaren Bahnen bleiben, muss der Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzt werden. Dazu müsste Deutschland noch vor 2040 klimaneutral werden“, so sagt es Klimaforscher Dr. Volker Quaschning. Deutschlands Langfristziel ist es, bis zum Jahr 2050 weitgehend treibhausgasneutral zu werden. Der Begriff treibhausgasneutral wird auch unscharf als Synonym für Klimaneutral verwendet.

Was heißt Klimaneutral?

Im Grunde bedeutet der Begriff klimaneutral erst einmal, dass durch das Produkt oder die Dienstleistung die Menge an klimaschädlichen Gasen in der Atmosphäre nicht erhöht wird.

Klimaneutral bedeutet, dass nur so viel Treibhausgas emittiert wird, wie durch solche natürlichen oder technologischen Mittel wieder ausgeglichen wird. Die Rede ist oft auch von „netto null“ Emissionen.

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Es geht also darum, die Treibhausgas-Emissionen der Welt auf null zu bringen. Ökosysteme wie Bäume und Moore können aber eine gewisse Menge an CO2 binden. Außerdem sind – bislang allerdings hoch umstrittene – Technologien in Arbeit, die der Atmosphäre CO2 nachträglich entziehen können. 

„Klimaneutral“ ist also auf den ersten Blick eine gute Sache. Ein wesentlicher Unterschied besteht jedoch darin, wie klimaschädliche Gase vermieden werden. Hier ein Beispiel: Auf ihrer Webseite erklärt die Deutsche Bank stolz: „Die Deutsche Bank will negative Auswirkungen auf die Umwelt so gering wie möglich halten und arbeitet seit 2013 klimaneutral. Auch den Verbrauch von Ressourcen wie Wasser oder Papier reduzieren wir kontinuierlich.“ Gleichzeitig jedoch investiert das Unternehmen weiterhin in Kohlebergbau und Ölindustrie.

Welche Arten der Klimaneutralität gibt es?

  1. Klimaneutraler Lebenszyklus. Das Unternehmen passt seine Prozesse der gesamten Lieferkette an. Hierbei werden dann beispielweise klimafreundliche Rohstoffe genutzt und auch der Versand erfolgt z.B. mit einem Lastenrad. Dieses Vorgehen ist aktuell kaum möglich bzw. viel zu teuer. 

  2. Klimaneutral durch Kompensation. Hierbei werden die Klimagasemissionen aufgerechnet und das Unternehmen bezahlt eine Summe x an eine Organisation und erhält dafür ein Zertifikat. Diese Organisation wiederum fördert Projekte, die sich für den Klimaschutz einsetzen.Dies passiert meist in  Schwellen- oder Industrieländern. Bekanntestes Beispiel in Deutschland ist atmosfair, ein vom Forum „anders reisen“ und der Entwicklungsorganisation „Germanwatch“ entwickeltes Angebot zur Kompensation der durch Flugreisen freigesetzten Klimagase. 

Fun Fact: Auch Elektroautos sind übrigens nicht „klimaneutral“. Sie sind „lokal emissionsfrei“, verursachen also CO2 wenigstens nicht dort, wo sie fahren.

Ist Co2-Neutralität und Klimaneutralität das Gleiche?

CO2-Neutralität bedeutet laut dem Energie Lexikon in vielen Fällen auch Klimaneutralität, weil klimaschädliche Wirkungen nur (oder jedenfalls größtenteils) durch emittiertes CO2 entstehen. Dies ist beispielsweise bei Heizungsanlagen der Fall und größtenteils auch beim Straßenverkehr, solange Rußemissionen durch Rußpartikelfilter aufgefangen werden. Es gibt allerdings Fälle, in denen zusätzlich zum CO2 auch andere klimaschädliche Stoffe emittiert werden. Beispielsweise gibt es bei manchen Gasmotoren und Biogas-Anlagen einen erheblichen Methanschlupf, d. h. das Entweichen eines gewissen Anteils von unverbranntem Methan, und dies kann die Klimabilanz massiv verschlechtern.

Wann ist eine Stadt Klimaneutral?

Klimaneutral ist eine Stadt dann, wenn sie einen Ausstoß von Treibhausgasen erzeugt, der das Weltklima unter der schädlichen Schwelle einer Erderwärmung von 2 Grad halten kann, auch wenn die Weltbevölkerung im Jahr 2050 auf die prognostizierten 9 Milliarden anwächst. Es sind somit alle Prozesse gemeint, die keine Treibhausgase ausstoßen oder deren Emissionen vollständig kompensiert werden können und damit keine klimaschädliche Wirkung besitzen.
Im Klimaapassungskonzept der Stadt Coesfeld fällt das Wort Klimaneutralität gar nicht. Auch C02-Neutralität ist hier nicht angegeben. Das Wort „klimafreundlich“ fällt zumindestens 23 mal. 

Die Stadt Münster gehört in seiner Vorreiterrolle offiziell zum Kreis der 22 „Masterplan-Kommunen 100% Klimaschutz“. 2019 rief die Stadt den Klimanotstand aus und setzte sich zum Ziel, möglichst schon bis 2030 Klimaneutralität zu erreichen. Im Vergleich zu 1990 müssen dafür die Treibhausgasemissionen um 95 % und der Endenergieverbrauch um rund 70 % sinken.
Derzeit haben im übrigen fünf EU-Mitgliedstaaten das Klimaneutralitätsziel rechtlich formuliert: Schweden möchte bis 2045 Netto-Null-Emissionen erreichen; Dänemark, Frankreich, Deutschland und Ungarn bis 2050.

Und JETZT?

Aktuell gibt es keinen rechtlichen Rahmen für die Verwendung des Begriffs „klimaneutral“. Damit bleibt uns Verbrauchern erst einmal nichts anderes übrig, als ganz genau hinzuschauen. Utopia gibt folgende Tipps:

  • Lass dich vom Begriff nicht einwickeln: Klimaneutral kann vor allem ein Marketing-Begriff sein, welche Benutzung des Begriffs heute und auf absehbare Zeit auch kein Gesetz verhindert. Dennoch können Unternehmen es mit solchen Angaben im Rahmen des derzeit Machbaren sehr wohl ernst meinen.
  • Achte darauf, ob Firmen ausdrücklich Auskunft darüber geben, WIE sie die Klimaneutralität ihrer Produkte gewährleisten oder auf welche Unternehmensbereiche sie sich dabei beziehen.
  • Nutze den gesunden Menschenverstand: Kann Fliegen oder Kaffee aus anderen Kontinenten wirklich klimaneutral sein? Wann wäre Schadensvermeidung besser als Schadenskompensation?
  • Denke ganzheitlich: Zum Beispiel der „klimaneutrale Coffee-to-go-Becher“: Ja, er ist klimaneutral (durch Kompensation). Das ist besser als ohne. Aber es ist eben immer noch ein Wegwerfbecher, der Berge von Müll hinterlässt und Ressourcen nicht sinnvoll verbraucht, sondern unnötig verschwendet.

Unsere Quellen

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