Katharina, was ist Klimaangst?

Katharina van Bronswijk (Jahrgang 1989) ist psychologische Psychotherapeutin in der Lüneburger Heide. Die Autorin und Sprecherin der Psychologists for Future ist auch als Dozentin tätig. Aktuell liest sie das Buch „Gefährlicher Glaube von Pia Lamberty“ , welches sich mit esoterischen Welterklärungsmodellen und deren Gefahren beschäftigt.

Katharina, gestern Morgen hat mir eine Bekannte erzählt, dass sie nach den neusten Skandalen von Schlachtbetrieben „allmählich wirklich die Nase von Fleisch voll hat“ und sowieso nur noch wenig Fleisch essen würde. Bei näherer Betrachtung war der Frühstückstisch sehr fleischlastig eingedeckt und am Abend vorher hatte die Bekannte ein deftiges Steak gegessen. Sind wir Menschen Verdrängungskünstler und können deshalb die Klimakrise gar nicht richtig begreifen?

Die Klimakrise ist ein sehr großes und abstraktes Problem. In der Forschung wird es daher als „super wicked problem“ bezeichnet. Das menschliche Gehirn ist schlichtweg nicht dafür gemacht, ein Problem dieser Größenordnung zu verstehen. Wir sind evolutionär programmiert für den Säbelzahntiger, der aus dem Gebüsch springt, aber eben nicht für so lange, schleichende Prozesse wie eine globalen Klimakrise. Das macht es uns tatsächlich schwer, das Problem voll und ganz zu verstehen.

Und ja – wir sind schon gute Verdränger. Das ist ein wichtiger Abwehrmechanismus, der uns lebenstauglich hält, auch in Anbetracht großer Krisen. In diesem Falle haben meiner Ansicht nach aber andere Mechanismen gegriffen. Es gibt verschiedenste Einflussfaktoren auf unser Ernährungsverhalten und die Kette zwischen der Klimakrise und dem eigenen Verhalten im Alltag ist ja relativ lang. Wenn ich auf dieses eine Steak verzichte, dann sehe ich ja nicht, welcher Baum im Amazonas dadurch gerettet wurde und wie das dann Auswirkungen auf die Klimakrise hat. Menschen fällt es leichter, ihr Verhalten zu verändern, wenn sie direkt die Auswirkungen ihres Verhaltens sehen.

Wir sind trotzdem Wesen, die sich ihrer bewusst sind und können wertegeleitet entscheiden, Dinge anders machen zu wollen.

Auch das ist nicht der einzige Einflussfaktor: Welche Gewohnheiten habe ich, die der Veränderung im Weg stehen? Ganz pragmatische Dinge wie ‚Ich habe das halt noch im Kühlschrank und esse das erst einmal auf‘. Manche haben auch die Gewohnheit, dass sie sich in Restaurants was gönnen und kaufen sich dann dort den Burger, den sie sich selber zuhause nicht zubereiten würden. Da ist es mehr die Frage, was sind hier Einstellungen, die mit der Verhaltensänderung im Konflikt stehen. Als Verhaltenstherapeutin würde ich sagen, deine Geschichte ist ein gutes Beispiel für kognitive Dissonanzreduktion. Es gibt viele Hürden, aber wir Menschen können unser Verhalten verändern!

Bei dem letzten Klimastreik gab es bei uns die Rede einer jungen Frau an ihr ungeborenes Kind. Sie war bzw. Ist sich nicht sicher, ob sie Kinder bekommen möchte. Auf der anderen Seite haben wir Menschen in unserer Gesellschaft, die die schlimmen Szenarien der Wissenschaft durchaus belächeln, wenn auch nicht leugnen. Sie nutzen Verzögerungstaktiken-oder Beschwichtigungstaktiken (Klima-delayers), um selber nichts zu verändern. Wie können wir als Gesellschaft mit diesen Widersprüchen klarkommen? Was hilft?

Große Frage. Erst einmal ist es wichtig, anzuerkennen, dass es diese Widersprüche gibt und trotzdem nicht aufzugeben – so nach dem Motto:“ Wenn du das nicht akzeptierst, dann rede ich nicht mehr mit dir.“ Das würde nicht dazu führen, dass Menschen etwas verändern, denn wenn Fronten verhärtet sind, dann führt das seltener dazu, dass Menschen sich auf einen zubewegen. Es ist besser sich zu fragen, was dahintersteckt. Warum ist es für denjenigen „so wichtig“, die Klimakrise in ihrem Ausmaß zu leugnen oder die Transformation zu verzögern. Was hat die Person zu verlieren? Was sind Ängste, die im Hintergrund mitwirken?

Da kann man auch einfach nachfragen, da muss niemand raten. Im besten Fall ist man ja mit der Person im Gespräch und kann fragen „Du, ich merk irgendwie das du so gegen die Menschen in der Klimabewegung wetterst. Ich versteh das nicht so ganz – kannst du mir erklären, warum?“ Und dann kann man ein Verständnis entwickeln. Wir haben es zum Beispiel mit einer Generation von Boomern und Wirtschaftswunderkindern zu tun, denen in einem gesellschaftlichen Narrativ versprochen wurde, dass sie den erarbeiteten Ruhestand genießen dürfen, wenn sie 50 Jahre lang arbeiten gehen. Das ist ein gesellschaftliches Versprechen, das diese Generation bekommen hat und das wir jetzt brechen. Jetzt sollen diese Menschen verzichten, weil die Zeiten sich geändert haben. Das empfinden sie als unfair. Viele waren ja auch extrem fleißig, haben durchgepowert und da ist das ein Bruch ihres gesamten Lebenskonzeptes und der Grund, warum sie es so verteidigen.

Im nächsten Schritt kann man dann fragen, was einen wirklich glücklich macht. Muss das die Kreuzfahrt oder ein schnelles Auto sein? Kann das auch etwas anderes sein? Das sind alles schwierige Fragen, bei deren Beantwortung die Person eventuell auch etwas anderes sagen würde als wir. Und es bedarf Zeit und Geduld. Da sind Prozesse von mehreren Wochen und Monaten mit intensivem Austausch.

Wichtig ist, sich klar zu machen, dass wir in gesellschaftlichen Nischen, also in kleineren Kollektiven, Alternativen vorleben können und so eine Transformation auch wahrscheinlicher machen. Damit können wir soziale Kipppunkte auslösen, die dann das gesamtgesellschaftliche System verändern können. Das braucht Zeit und Geduld. Das nimmt die Leute dann auch mit. Selbst wenn sie dagegen sind, werden sie in dieser Transformation einfach mitgenommen und das hat dann auch wieder Einfluss: Wenn das gesellschaftliche System sich verändert, dann verändert das ja auch die Einstellung von Menschen. Wir müssen also im Kollektiv wirksam werden. Der Geist der Zeit verändert sich, aber auch disruptive Ereignisse wie eine Pandemie können dazu führen, dass sich etwas verändert.

Was bedeutet Klimaangst?

Klimaangst an sich ist nichts Pathologisches. Angst ist generell erst einmal nichts Schlechtes: Angst aktiviert uns etwas zu tun. Praktisch wie eine Warnleuchte. Sie kann sich zum Beispiel in Unruhe oder Sorgen ausdrücken. Aber wenn man nicht mehr schlafen kann, wenn Grübelschleifen nicht mehr durchbrochen werden können, wenn man sich auf der Arbeit nicht mehr konzentrieren kann. Dann wäre das ein Ausmaß, wo ich sagen würde, da wird es irgendwann behandlungsbedürftig. ‚ climate anxiety ‘ ist trotzdem keine Diagnose.

Pathologische Klimaangst ist extrem selten. Und wir haben dazu viel zu wenig Forschung.

Im besten Falle schaffen wir es, zwischen den Polen „Vermeidung“ und „Reinsteigern“ zu balancieren und die Handlungsenergie, die in unseren Gefühlen steckt als Motivation zu nutzen. Nach dem Motto: Ja, ich merke, das ist gefährlich und es ist mir durchaus unangenehm. Und sich dann zu fragen: Was kann ich tun? Was sind meine Handlungsmöglichkeiten?

Selbstwirksamkeit ist das Gegengift gegen Klimaangst.

Es ist ein Anfang, individuell unser Konsumverhalten zu verändern. Aber noch mehr passiert auf der kollektiven Ebene, denn selbst wenn man persönlich seinen CO2-Fußabdruck reduziert, dann stößt man ja irgendwann an seine Grenzen. Wir müssen viel eher daran arbeiten, das System so zu verändern, dass uns klimaneutrales Leben möglich wird – also unseren Handabdruck vergrößern.

Was können psychische Folgen der Klimaveränderung sein? Kann man dafür eine Therapie in Anspruch nehmen und wie gut ist unser Gesundheitssystem auf diese Herausforderung vorbereitet?

Es gibt verschiedenste Auswirkungen auf die Psyche. Direkte Folgen, die durch extreme Wetterereignisse ausgelöst werden und indirekte Folgen. Direkte Folgen sind zum Beispiel so etwas wie die Wirkung von Hitze auf das Gehirn. In Studien haben wir bereits gesehen, dass gehirnorganische Erkrankungen häufiger auftreten. Das bedeutet nicht, das mehr Leute eine solche Erkrankung bekommen, sondern vielmehr, dass diese bereits erkrankten Menschen stärkere und häufigere Episoden haben. Beispiele hierfür sind Demenz, eine bipolare Störung oder auch Schizophrenie.

Nach einem krassen Hitzetag geht die Suizidalitätsrate hoch, auch das sehen wir in Statistiken, die Mechanismen dahinter werden noch erforscht. Auch Aggressivität nimmt in Hitzeperioden zu. Das wiederum führt zu mehr zwischenmenschlichen Konflikten, die wiederum Auswirkungen auf unsere psychische Gesundheit haben. Hitze tut uns also einfach nicht gut. Daher sind Hitzeschutzpläne so wichtig. Wie kann man bei Hitzeepisoden reagieren, gerade bei Menschen mit Demenzen oder allgemein gehirnorganischen Erkrankungen. Brauchen wir in der Arbeitsmedizin Anpassungen wie beispielweise eine Siesta, weil die Produktivität unter Hitzeeinfluss abnimmt?

Dann gibt es andere Extremwetterereignisse wie Überflutungen oder Waldbrände, die das eigene Leben bedrohen können. Da sind Traumatisierungen, die entsprechende Traumafolgestörungen auslösen können.

Indirekte Auswirkungen der Klimakrise sind Aspekte wie der Einfluss allgemeiner Unsicherheit. Wie gehen wir damit um, wenn die Heimat oder auch Orte des Trostes sich so stark verändern, dass man sich dort nicht mehr gut aufgehoben fühlt? Wenn der Wald der eigenen Kindheit austrocknet, man dort spazieren geht und gleichzeitig einen Kloß im Hals hat, weil man die Veränderungen wahrnimmt. Der Wohlfühlort der Kindheit ist dann nicht mehr nur erholsam, sondern auch traurig. So etwas kann langfristig, gemeinsam mit anderen Stressoren, dazu führen, dass die psychische Verarbeitungsfähigkeit der Menschen überfordert ist und sich dadurch psychische Symptome entwickeln können.

Wie das Gesundheitssystem dafür gewappnet ist? Schlecht! Wir wissen, dass es nach Extremwetterereignissen ein Peak an Posttraumatischen Belastungsstörungen gibt. Das sind in Studien um die 15 Prozent. Dieser zusätzliche Bedarf ist aktuell in Deutschland nicht in der psychotherapeutischen Versorgung abbildbar.


Allgemeine Infos oder spannende Links zu dem Thema:

  • Psychosoziale Notfallversorgung: https://www.drk-westfalen.de/aufgabenfelder/spalte-4/nationale-hilfsgesellschaft/fachbereich-gesundheitlicher-bevoelkerungsschutz/betreuungsdienst/psychosoziale-notfallversorgung.html
  • https://www.psychologistsforfuture.org/
  • Empfehlenswert ist der Podcast von Psychologists for Future: https://klimaimkopf.podigee.io/

Susanne

Susanne (Jahrgang 1988) ist Initiatorin des Blogs www.WissenmachtKlima.de und der Klimachallenge. Neben ihrem leicht chaotischen Alltag mit "dem Nachwuchs" und ihrer Berufstätigkeit bei einem IT-Unternehmen, treibt sie die Frage nach einer lebenswerten Zukunft der nächsten Generationen an. Susannes Meinung: Es ist 1,5 Grad vor zwölf! Den Kippelementen ist es egal, ob wir Zeit oder Lust haben unser Leben zu verändern. Wir brauchen einen politischen und gesellschaftlichen Wandel unter Berücksichtigung der wissenschaftlichen Erkenntnisse und Maßnahmen, die JETZT anfangen und nicht erst in fünf Jahren.

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