Klimawandel findet Stadt: In 15 Schritten zu einer Stadt der Zukunft

Nach dem Weltklimarat (IPCC) sind Städte für über 70 % der CO2 verantwortlich und verbrauchen bis zu 76 % der Energie. Städte sind daher besonders im Klimaschutz gefordert. Aber was muss sich hier verändern und wie fangen wir damit an?

Deswegen müssen wir darüber sprechen

„Our struggle for global sustainability will be won or lost in cities“

Generalsekretär Ban Ki-moon 2012 vor der UN-Vollversammlung

Städte und Stadtregionen sind von den Folgen des Klimawandels besonders betroffen und gleichzeitig wesentliche Verursacher des Klimawandels. Sie tragen einerseits durch die Produktion von Treibhausgasen aus Verkehr, Energie- und Wärmeproduktion und der Industrie wesentlich zum Klimawandel bei. Andererseits gelten Städte und urbane Räume durch die hohe Dichte in der Besiedlung, die Konzentration an Vermögenswerten und kritischer Infrastruktur als besonders anfällig für die Folgen des Klimawandels.[1]

Wie sieht die Stadt der Zukunft aus?

„Umweltschonende Mobilität, lärmarm, grün, kompakt und durchmischt – so sieht die Stadt für Morgen aus“

Umwelt Bundesamt

Sie empfiehlt folgende Eckpfeiler[2]:

Kompakt wohnen, Flächen sparen, Verkehr vermeiden

Hierzu gehört es, dass die Potenziale einer Nachverdichtung von Quartieren genutzt werden, der Ergänzung fehlender Radwege und dem Rückbau der autogerechten Stadt, (z.B. soll die Flächenbelegung für ruhenden motorisierten Individualverkehr am Straßenrand und auf Wohngrundstücken maximal 1,5 m2 pro Einwohner betragen). Zusätzlich soll die Stadt mit den Siedlungsschwerpunkten des Umlandes durch öffentliche Verkehrsmittel und Radschnellwege verknüpft werden.

Grünes Umfeld schaffen und bewahren

Grün statt Beton ist die Leitidee dieses Ansatzes. Grün- und Wasserflächen auf Dächern, an Fassaden und auf anderen verfügbaren Flächen wie Innenhöfen verschönern das direkte Umfeld und sorgen im Sommer für angenehme Kühle. Auch dies ist wichtig für ein gutes Stadtklima. Dabei stehen Grünflächen einschließlich Wasserflächen für Erholung, Bewahrung der biologischen Vielfalt, Kalt- und Frischluftzufuhr und Wasserrückhalt in Art und Umfang angemessen zur Verfügung.

Mehr Platz für Begegnung und Miteinander

Widmet den Innenstädten mehr Lebensraum statt Parkraum. Hierzu ist es erforderlich, im öffentlichen Raum nahezu keine privaten Autos mehr parken zu lassen; ein konsequentes Parkraummanagement macht Parken in den Städten teurer. Zahlreiche Sitzgelegenheiten und geringe Lärm- und Schadstoffbelastungen erhöhen die Aufenthaltsqualität.

Kurze Wege – direkt zum Ziel

In der Stadt der Zukunft ist alles auch ohne Auto gut erreichbar. Güter und Dienstleistungen sind je nach Häufigkeit des Bedarfs einfach zu erreichen. Dies bedeutet auch ein Umdenken im „Shoppingcenter“ Konzept oder der Konzentration der Ansiedlung bestimmter Dienstleister an einem konzentrierten Punkt.

Attraktive und funktionsgemischte Gebiete schaffen

Wohnen, arbeiten und Freizeit sollten möglichst nah beieinander stattfinden können. Gleichzeitig sollte eine räumliche Trennung von Arm und Reich vermieden werden und durch unterschiedliche Wohnkonzepte werden die unterschiedlichen Bedürfnisse von Jung und Alt betrachtet.

Ruhiges Wohnen ermöglichen

Wohnortnahe, ruhige Gebiete werden erhalten und vor Lärmzunahme geschützt. Nachbarschaft und Freizeitaktivitäten nehmen aufeinander Rücksicht, reduzieren die Lärmbelastungen auf ein niedriges Maß und ermöglichen damit ein verträgliches Nebeneinander.

Schadstofffreier und treibhausgasneutraler Verkehr

Der gesamte Stadtverkehr (Personen- und Güterverkehr) erfolgt treibhausgasneutral und (nahezu) emissionsfrei. In den Innenstadtbereichen verkehren nur solche motorisierten Fahrzeuge, die elektrisch betrieben werden; Elektroautos sind kleiner und an die Nutzung in der Stadt angepasst. Der komplette ÖV ist elektrisch.

Vorrang für Umweltverbund

In der Stadt der Zukunft haben Bus und Bahn Vorfahrt.  Der eigene Privat-Pkw spielt eine nachgeordnete Rolle im Stadtverkehr. Integrierte Mobilitätsdienstleistungen wie Carsharing, Fahrradverleihsysteme oder Online-Mitfahrvermittlungsdienste ergänzen den ÖV und sind miteinander vernetzt.

Nutzen statt besitzen

Carsharing – als Elektro-Carsharing – ist ebenso wie Fahrradverleihsysteme inklusive Pedelecs flächendeckend vorhanden.

Ressourcen schonen

Reparatur- und Tauschläden vor Ort vermeiden Neuanschaffungen in kurzer Taktung und sparen damit Transporte und Ressourcen ein.

Mobilität bezahlbar machen

Schaffung und Weiterentwicklung der Mobilität sind für die kommunalen Haushalte langfristig gesichert.

Partizipativ planen, kooperativ agieren

Die Bürgerschaft beteiligt sich an verkehrlichen und städtebaulichen Planungsprozessen. Verkehrs- und Stadtplanung sind aufeinander abgestimmt und beachten die Schnittstellen zu anderen Fachplanungen (z.B. Energie, Abfall).

Barrierefreie Mobilität für alle ermöglichen

Das Verkehrssystem ermöglicht eine altersgerechte Mobilität ohne eigenen Pkw, z. B. durch Begleitdienste oder technische Mobilitätshilfen. Die einzelnen Verkehrsträger sind ohne Barrieren für alle zugänglich. Eigenständige Mobilität für alle ist ohne fremde Hilfe möglich.

Tempo an urbanes Leben anpassen

Regelgeschwindigkeit Tempo 30 gilt auf Straßen in der Stadt. Die zulässigen Geschwindigkeiten sind je nach Funktion der Straßen angepasst.

Sicher

Das Gefühl subjektiver Sicherheit ist im Verkehrsgeschehen und im gesamten urbanen Raum sehr hoch. Die „Vision Zero“, was keine Verkehrstoten und deutlich weniger Schwerverletzte und eine fehlertolerante Infrastruktur in Städten bedeutet, wird Realität.

Gibt es Städte, die nach einem nachhaltigen Konzept bauen, leben und arbeiten?

JA! Auch hier gibt es Leuchtturmprojekte. Sogar eine Vielzahl an guten Beispielen, die wir hier gar nicht alle aufzählen können. Deswegen findet ihr im unteren Bereich noch weitere Leseempfehlungen. Hier möchten wir euch drei ganz unterschiedliche Gesamtansätze vorstellen.

Cradle-to-Cradle Modellgemeinden

Autofreie Wege, die Häuser bestehen nur aus Naturmaterialien und auch das intensive Miteinander der Bewohnerschaft gilt als nachhaltig. So sieht es in der Öko-Siedlung in Düsseldorf-Unterbach am Rande der hektischen Landeshauptstadt Düsselsdorf aus.[3]

Das Ziel: Die Bewohner:innen der Siedlung wollten ihr Eigenheim umweltschonend bauen und sozial miteinander leben. Entstanden ist die ökologische Siedlung in Unterbach aus 30 Häusern bereits 1989 unter dem Leitaspekt einer umfassend ökologisch orientierten Bauweise. Damals war sie ihrer Zeit bereits weit voraus und wird auch heute noch kontinuierlich nach ökologischen Maßstäben weiter optimiert.

Zentrale Aspekte sind die Verwendung von Holz als nachwachsendem Rohstoff, Grasdächer auf den Gebäuden und große Grünflächen. Ein fester Vorsatz: Es soll möglichst wenig Fläche versiegelt werden, gemeinsame Nutzung führt zur Einsparung von Rohstoffen und die Förderung der Gemeinschaft ist elementar. [4]

Wesentlich größer angesetzt hat die Gemeinde Straubenhardt das Cradle-to-Cradle Prinzip. Seit Mai 2019 ist Straubenhardt die erste „Cradle-to-Cradle“-Modellgemeinde Baden-Württembergs.[5] Hier leben rund 11.000 Einwohner:innen zwischen Nordschwarzwald und Kraichgau. Es gibt dutzende Vereine, zwei Büchereien und eine Musikschule. Auch Straubenhardt hat sich der Kreislauffähigkeit und dem Ressourcenschutz verschrieben und sich auf den Weg in eine Zukunft gemacht, die gesund für die Bevölkerung und die Umwelt ist.[6]

Klimapositive Stadt

Die Initiative „Klimapositive Städte und Gemeinden“ wurde 2020 von der „Deutsche Gesellschaft für nachhaltiges Bauen“ (DGNB) mit dem Ziel ins Leben gerufen, Kommunen dabei zu unterstützen, die Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit schneller, breiter und zielorientierter umzusetzen.[7] Auch hier geht es nicht allein um Klimaschutz und Klimaanpassungsstrategien. Kreislauffähigkeit, Mobilität, Gesundheit, nachhaltiges Bauen, soziale Teilhabe, Wasserkreislauf und Biodiversität werden direkt mitgedacht und in den geplanten Maßnahmen berücksichtigt. Der offizielle Startschuss der Initiative fiel am 21. September 2020 im Rahmen des DGNB Tags der Nachhaltigkeit in Stuttgart. Zu diesem Zeitpunkt hatten die ersten elf Kommunen ihre Teilnahme bereits zugesagt. Bocholt ist eine Stadt davon.

Klimapositiv bedeutet im Übrigen, dass die dort genannte Emissionen (Strom, Wärme, Verkehr und Bauen) im gesamten Stadtgebiet geringer sind, als durch natürliche Treibhausgassenken in der jeweiligen Stadt wieder aufgenommen werden.

Science Based Targets Städte

Science Based Targets Städten müssen vor allem drei Prinzipien berücksichtigen:  Wissenschaftsorientierung, Gerechtigkeit  und Vollständigkeit. Das bedeutet, dass sie die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Vereinbarkeit mit dem Ziel des Übereinkommens von Paris berücksichtigen müssen.[8] 

Und dies ist ein wichtiger, wenn nicht sogar der wichtigste Punkt: Diese Vorgehensweise orientiert sich aktiv an dem 1,5-Grad Ziel aus dem Pariser Klimaabkommen. Damit wird auch deutlich gemacht, dass Ziele nicht einmal runtergeschrieben und abgearbeitet werden können, sondern ein stetiger Optimierungsprozess mit eingeschlossen ist.

Darüber hinaus sollen bei dem Science Based Targets auch Gerechtigkeitsüberlegungen einbezogen werden. Das heißt, „dass historische Emissionsverteilung, intergenerationale Gerechtigkeit sowie die spezielle Berücksichtigung vulnerabler Gruppen in den Fokus genommen werden sollen.“ Die Abdeckung von Emissionen des Reduktionsziels soll so vollständig wie möglich erfolgen.[9]

Und wie sieht das in Coesfeld?

(Anmerkung vorab: Uns ist bewusst, dass die Stadt Coesfeld bereits einige Dinge umgesetzt, angestoßen oder aktuell in Planung sind. Nichtsdestotrotz war uns eine übersichtliche Angabe aller Maßnahmen im ersten Teil sehr wichtig.)

Neben dem Klimaschutz und -anpassungskonzept nimmt die Stadt Coesfeld seit dem Jahr 2022 an dem European Climate Adaption Award (ECA) teil. Beschlossen wurde dies einstimmig im Rat am 03.09.2020.[10]  

Laut eigener Aussage orientiert sich dieser Prozess „an dem bekannten Managementzyklus „analysieren – planen – durchführen – prüfen“ und definiert vier wesentlichen Prozessschritte:

  • die Durchführung einer Klimawirkungs- und einer Ist-Analyse;
  • die Erstellung eines Arbeitsprogramms;
  • die Umsetzung von Projekten
  • sowie Auditierung, Zertifizierung und Auszeichnung. [11]

Ein Zyklus wird in der Regel in 4 Jahren durchlaufen. Der gestellte Antrag aus dem Jahre 2020 der Stadtverwaltung gilt für die Haushaltsplanungen 2020 bis 2024.

Das zentrale Instrument des eca-Programms ist hierbei der eca-Maßnahmenkatalog. Dieser ist in sechs kommunale Maßnahmenbereiche strukturiert. Hierbei wird eine Klimawirkungsanalyse und Ist-Analyse durchgeführt, das Stärken-Schwächen-Profil erstellt, sowie die Klimaanpassungsaktivitäten geplant, koordiniert und überprüft. Das ECA bildet somit eine Ergänzung zum bereits bestehenden Klimaschutz- und Anpassungskonzept und konzentriert sich dabei verstärkt umd das Themenfeld der Klimaanpassung. Aktuell arbeitet das Klimateam der Stadt Coesfeld an der Ausarbeitung der Ergebnisse, die innerhalb des Workshops zur Ist-Analyse und Klimawirkungsanalyse bereits stattgefunden hat. Voraussichtlich im März soll es hier zu einer ersten Präsentation der Ergebnisse kommen.

Und JETZT?

Bei all den vorgestellten Programmen und Konzepten ist jedoch eines von enormer Bedeutung: Nur das Science Based Target Prinzip erfüllt eine der wichtigsten Kriterien, die gleichzeitig die größte Herausforderung widerspiegelt:

„Wir müssen in Zukunft wissenschaftlich basierte Entscheidungen treffen, die sich an dem 1,5 Grad Ziel halten! Bei allem anderen Maßnahmen bleibt es nach wie vor bei ein ‚bisschen Klimaschutz‘ !“

Coesfeld for Future

Allgemein ist es auch von enormer Bedeutung, dass die Stadtverwaltung bei den stadteigenen Gebäuden durch eine schnelle und konsequente Umsetzung mit gutem Beispiel vorangeht. Weiterhin sollten allgemein Städte vermehrt über die Themen Sanierung, kreislaufgerechtes und klimafreundliches Bauen, Fördermöglichkeiten etc. informieren.

Mit dem ECA bietet sich eine große Chance für die Stadt Coesfeld, durch die schonungslose Benennung der Schwächen, eine geeignete Grundlage für zukünftige (Rats-)Entscheidungen zu legen. Der Fokus sollte hierbei allerdings nicht darauf liegen, sich selbst auf die Schulter zu klopfen, sondern sich zu trauen, den Finger endlich in die Wunde zu legen. Um zu betrachten, wo die größten Emissionen in der Stadt anfallen und diese an der Wurzel zu packen. Denn leider verlegt auch die Stadt Coesfeld das Problem aktuell in die zukünftige Generation. Um aus der Vergangenheit zu lernen und es in Zukunft besser zu machen. Um dann im nächsten Schritt auch die Bürger:innen der Stadt in der Kommunikation mitzunehmen auf diese Reise, die alles verändern wird. Dabei ist auch uns bewusst, dass es hierbei zu Entscheidungen kommen MUSS, die sehr unpopulär sein werden. Hoffen wir, dass der Stadtrat und die Stadtverwaltung Coesfeld sich hier der Verantwortung bewusst wird und dementsprechend handelt und nicht nur schönredet. Denn wir haben nicht mehr alle Zeit der Welt, um unsere Emissionen für eine 1,5 Grad Welt zu senken.

„Große Dinge brauchen große Visionen“, heißt es so schön. Und gerade im Wahlkampf haben wir Slogans wie „Gemeinsam machen wir das“ oder „Packen wir es an“ der damaligen Bürgermeister:innenkandidaten gehört. Und auch die Parteien haben von „Erneuerung“, „Zukunft“„alles ist drin“ und „Nie gab es mehr zu tun!“ um unsere Stimmen gebuhlt. Das alles ist richtig. Deswegen sagen wir JETZT:

„Coesfeld – Nie gab es mehr zu tun! Alles ist drin. Aus Respekt vor der Zukunft – das Programm für Erneuerung. Also packen wir es an! Gemeinsam machen wir das!“

Coesfeld for Future

Quellenangaben


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