Leonie, wie sieht gute Berichterstattung über die Klimakrise aus?

Leonie Sontheimer (Geburtsjahr 1992) ist freie Redakteurin. Nach einem Bachelor in Philosophie und Biologie besucht sie die Deutschen Journalistenschule. Sie wirkt unter anderem als freie Journalistin bei dem Podcast „1,5 Grad“ von Luisa Neubauer mit und hat den Klima-Instagram-Kanal der taz („klima.taz“) mit aufgebaut. Auf ihrem Nachttisch in Berlin liegt aktuell das Buch „Klartext Klima“ von Sara Schurmann.

Leonie, wie müssen deiner Meinung nach Medien reagieren, wenn die Menschheit mit so etwas Existenziellem wie der Klimakatastrophe konfrontiert ist? Ist es in deinen Augen Aktivismus, darauf aufmerksam zu machen? 

Als Menschheit müssen wir anerkennen, dass es sich hierbei um eine Krise handelt und wir schnell handeln müssen. Wir müssten eigentlich den Notstand ausrufen. Wir müssen es nicht unbedingt „Not“ nennen, aber es muss deutlich werden, dass  JETZT ein kritische Zeit ist, in der wir handeln müssen. Und da müssten die Medien einfach mitmachen. Aber weil das gesellschaftlich nicht geschieht, wirkt es aktivistisch, wenn die Medien vorpreschen. Aus meiner Perspektive tun die Medien als Ganzes das jedoch gar nicht. Es ist ja nicht so, als würde die Medien den Notstand ausrufen.

Meiner Meinung nach müsste in den Medien mehr auf die Dringlichkeit hingewiesen werden. Die Titelseite ist etwas ganz Plakatives, aber genau dort gehört Klima hin. Es braucht mehr Prime-Time, mehr Schlagzeilen und auch mehr Klima in den Überschriften. Wir haben aber das Problem, dass wir ja gar nicht so viel Neues zu berichten haben. Medien funktionieren nach dem Prinzip, dass sie eine Nachricht bringen und dann die Nächste und die Nächste. Aber wenn sowieso schon allen klar ist, was das Problem ist, wie macht man dann daraus noch eine Schlagzeile? Das ist schwierig.

Allgemein muss man sagen:

Wir müssen Klima nicht mehr als Thema, sondern mehr als Dimension sehen. So wie Demokratie und Menschenrechte.

Es gibt ja auch kein Ressort Menschenrechte, sondern das ist einfach etwas, was jede:r berücksichtigt, der über Sport oder Wirtschaft oder halt über das lokale Bauprojekt um die Ecke schreibt.

Ich glaube, dass es die Aufgabe von Medien ist, sich hinzusetzen und sich die Frage zu stellen: „Wie dann?“. Wenn die Art und Weise, wie wir bisher arbeiten, nicht funktioniert, also angemessen auf die Klimakrise zu reagieren, dann müssen wir ein Time-Out machen und gucken, wie wir es dann tun können. Teilweise geschieht das auch schon. Es gibt viele Einzelpersonen, die bei uns im Netzwerk Klimajournalismus sind, die das bereits total auf dem Schirm haben und innerhalb ihrer Redaktionen sehr für eine passende Berichterstattung einstehen. Aber es ist einfach noch nicht angemessen genug.

Die Klimakrise kann einen umhauen und depressiv stimmen. Wie können Journalist:innen einen Weg finden, die Dringlichkeit aufzuzeigen, ohne dass die Menschen wegklicken oder umblättern?

Ich habe dafür keine Lösung. Aber ich habe in den letzten Wochen in verschiedenen Kreisen Gespräche erlebt, in denen Journalist:innen sich genau diese Frage stellen. Ich glaube, eine Antwort ist, dass wir als einzelne Journalist:innen nicht alles abdecken müssen. Es ist gut, dass es die Nachrichtabteilung gibt. Und wenn die es nicht schaffen am Ende einer Nachricht eine konstruktive Ergänzung zu finden, dann ist das ok, solange es andere Ressorts gibt, in denen dieser Raum geschaffen wird.

Im Journalismus gibt es so einen Leitsatz „Sagen, was ist“

Viele verstehen darunter, dass wir sagen müssen, wie beschissen die Situation ist, also dasswir uns bereits jetzt schon in physische Entwicklungen reingeritten haben, die wir gar nicht mehr aufhalten können. Das müssen wir deutlich sagen, aber meiner Meinung nach gehört es genauso zum „Sagen, was ist“ dazu, zu sagen, dass es auch Lösungen gibt. Und das vergessen viele. Unter 1,5 Grad zu bleiben wäre physisch noch möglich, die Frage ist eher, ob wir das gesellschaftlich schaffen.

Wir Journalist:innen sollten in unseren Beiträgen fragen, was es noch für Lösungen oder Maßnahmen gibt, um unter den 1,5 Grad Erderhitzung zu bleiben. Bei dieser Art des Journalismus, dem konstruktiven Journalismus, geht es dann auch um mehr, als darum, Unternehmen vorzustellen, die CO2 aus der Luft saugen.

Gerade für Lokalredaktionen vermag die Berichterstattung über diese Themen noch schwieriger zu sein. Wenn nicht gerade eine Naturkatastrophe vor der eigenen Haustür passiert, liest man oftmals noch nicht so viel über die Veränderungen des Klimas. Wie können Journalist:innen das Thema aufnehmen?

Es ist ein Fehlglaube, dass man Klimageschichten nicht auch auf lokaler Ebene erzählen kann. Ich glaube, dass ist in den letzten Jahren falsch gelaufen. Medien haben die Klimakrise immer woanders verortet. Sowohl zeitlich, also dass das erst in Zukunft geschieht, als auch geografisch. Also, dass das nur Länder des globalen Südens betrifft. Das stimmt einfach nicht.

Wir merken ja bereits in den letzten Jahren, dass die Klimakrise hier und jetzt und auch in Deutschland geschieht. Auch in Coesfeld. Ich glaube, ganz viele Konflikte, die in der kommenden Zeit ausgetragen werden, werden lokal stattfinden. Es gab eine super Recherche von „Correctiv“ zu Wasserknappheit. Die haben sich ganz viele Gerichtsverfahren angeschaut, um zu schauen, wo es bereits jetzt „Kämpfe“ um Wasser in Deutschland gibt. Das war alles auf lokaler Ebene.

Und selbst wenn jetzt gerade kein Extremwetter droht oder man das Gefühl hat, dass Klimaschutz bereits auserzählt ist, dann kann man ja immer noch auf die Klimaanpassung gucken. Gibt es zum Beispiel auf kommunaler Ebene ein Konzept für Hitzewellen? Die werden super relevant werden und kluge Journalist:innen machen bereits jetzt darauf aufmerksam. Wir sind als Journalist:innen ja auch sogenannte „Watchdogs“ – da findet man bestimmt etwas. Auch auf lokaler Ebene.

Klimakrise und Klimawandel – beide Begriffe können durchaus dasselbe ausdrücken, das Wording ist jedoch unterschiedlich. Wie wichtig ist diese Unterscheidung im Journalismus für dich und was kann bei der Wortwahl helfen?

Ich sehe da zwei Ansätze: Die eine Frage ist ja, welche Begrifflichkeiten würde ich persönlich verwenden, weil sie präziser sind. Die andere Frage ist, welche Begrifflichkeiten mehr abholen. Es gibt Zielgruppen, die man verliert, wenn man den Begriff Klimakatastrophe nimmt. Die denken dann direkt, dass es sich hierbei um einen linksgrün-versifften Journalismus handelt. Die klicken dann eventuell direkt weiter. Es ist okay und sinnvoll, das zu berücksichtigen.

Ich persönlich benutze schon noch den Begriff Klimawandel, bin mir aber bewusst darüber, dass es ziemlich harmlos klingt. Teilweise mache ich die Unterscheidung, dass ich Klimawandel für die physischen Aspekte nehmen und die Klimakrise eher , wenn ich darüber berichte, wie Menschen davon betroffen sind. Die physischen Zustände können keine Krise empfinden, wir Menschen schon.

Wenn man jedoch das Gefühl hat, dass es der Begriff nicht ganz trifft, dann lass ich den auch einfach weg und umschreibe das. Ich schreibe auch oft ‚Erderhitzung‘. Aber eigentlich geht es ja um viel mehr als eine reine Erhitzung – es geht um die Zerstörung unseres Lebensraumes. Und wenn ich merke, dass ich das alles auffächern müsste, dann mach ich das auch.

Es ist gut, manchmal einfach innezuhalten und sich im Journalismus zu fragen, welche Funktion der Begriff eigentlich hat. Aber alle Begriffe können funktionieren.


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