FAIRreisen: Wie funktioniert nachhaltiges Reisen?

„Wow – was für ein Naturphänomen“, denkt sich Sebastian in diesem Moment. Er steht am Rande der Kreidefelsen auf Rügen. Statt in Neuseeland zu wandern, hat es ihn aufgrund der Coronapandemie nach Rügen gezogen. „Das sieht hier genauso aus wie in Neuseeland!“ wundert sich der 27-jährige Coesfelder, der bereits einige Jahre zuvor sechs Monate durch Neuseeland und Australien gereist war und ursprünglich dorthin zurück wollte. Viele Orte und Länder dieser Welt hat er gesehen. Überdurchschnittlich oft fiel die Wahl auf einen Ort im Aus- statt im Inland. Und am Ende dieses Urlaubs wird er sagen: „Mir war nicht bewusst, dass Deutschland so schöne Orte hat!“


Corona wird uns auch im Jahre 2021 einen Strich durch die Reiseplanung machen. So sieht es zu mindestens aktuell aus. Aber was wird danach sein? Wird es das „alte Normale“ geben oder ein „New normal“? Machen wir alles wieder so wie früher? Bucht man wieder Flüge für 19 € in Städte, die man eigentlich gar nicht bereisen wollte, nur weil es ein „Mega-Deal“ ist? Eröffnen neue all-inclusive Resorts in unberührter Natur, nur weil es möglich ist? Oder kann das Reisen zukünftig besser, nachhaltiger und eben fairer werden?

Deswegen müssen wir darüber sprechen

„Die Ressourcennutzung des Tourismus übersteigt gegenwärtig die natürlichen planetaren Grenzen der Erde. In Hinblick auf den Verbrauch von Energie und die CO2-Emissionen, den Wasserverbrauch, die Landnutzung und den Nahrungsmittelbedarf werden sich die Auswirkungen des Tourismus innerhalb von 25 bis 45 Jahren verdoppeln.“

Dies sagte Stefan Gössling in einem Interview bei Deutschlandfunk. Gössling ist Professor für Tourismusforschung und Humanökologie an den schwedischen Universitäten Linnaeus und Lund und arbeitet seit 1994 zum nachhaltigen Tourismus mit Schwerpunkten auf den Bereichen Verkehr, Mobilität, Energie und Wasser. Eine einzige Flugreise bedeute so viel Klimabelastung, wie ein durchschnittlicher Weltbürger im Laufe des Jahres verursacht. Hierzu hatten wir uns auch bereits in einem Beitrag unseren ökologischen Fußabdruck angeschaut.

Niemand möchte durch seine Ferienreise „Inseln versenken“, wie die aktuelle Problematik der Marshallinsel zeigt. Doch der Klimawandel generiert allmählich zusätzliche Touristenattraktionen. So locken etwa Länder wie Grönland, in denen immer schneller schmelzende Gletscher den Klimawandel hautnah erleben lassen, immer mehr Touristen. Das klingt etwas perfide? Ist es auch! Denn es gibt auch Schattenseiten des Tourismus: überfüllte Städte, vermüllte Strände, von der Wertschöpfung abgeschnittene Einheimische, Ausbeutung, Bausünden, Umweltzerstörung und vieles mehr.

Darf ich jetzt gar nicht mehr reisen?

DOCH. Reisen ist richtig und wichtig. Reisen verbindet Kulturen und Menschen. Sie schaffen Gemeinsamkeit und Verbindung. ABER: Jede Reise, jeder Urlaub sollte bewusst geplant werden. Die Tourismusbranche ist nämlich Verursacher und Opfer zugleich! Gerade im globalen Süden ist Artenschutz manchmal nur aufgrund der Touristen und ihren dortigen Ausgaben erst möglich. Beim Reisen sollte es daher immer ein Zusammenhang zwischen Neugierde und Verantwortung geben. Wir sollten wieder Respekt verspüren. Respekt vor der Natur, vor den Menschen und vor der Kultur. Ohne Respekt wird es keine Erholung geben, kein Verstehen, kein Lernen und kein Austausch. Dabei ist ein weiterer Gedanke wichtig: Reisen ist ein Konsumgut. Wenn wir diese Punkte bedenken und aufnehmen, dann haben wir einen ersten, ganz wichtigen Schritt getan.

Wie ist nachhaltiges Reisen möglich?

Zu allererst einmal hilft uns der gesunde Menschenverstand. Wenn wir alle Fortbewegungsmittel nebeneinanderstellen, gibt es sehr klimaschädliche Mittel wie das Flugzeug und sehr klimafreundliche Mittel wie das Fahrrad. Daneben gibt es viel komplexere Bereiche, die eine nachhaltige Reise beinhalten. Zwei möchten wir euch heute vorstellen:

Die Nachhaltigkeitskriterien

Jede Übernachtungsform, egal ob Hotel, Airbnb oder Zeltplatz, kann diese Auflistung der Nachhaltigkeitskriterien erfüllen.

  1. Regenerative Wärme- oder Stromerzeugung
  2. Nachhaltige und ökologische Bauweise
  3. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar
  4. Verwendung ökologischer Reinigungsmittel
  5. Einsatz Haushaltsgeräte der Klasse A
  6. Ökostrom wird zu 100% verwendet
  7. Mehr als 80% Recycling
  8. Bewusste Müllvermeidung
  9. Regenwasseraufbereitung
  10. Wassersparhähne vorhanden
  11. Biologische & regionale Lebensmittel
  12. Energiesparende Beleuchtung
  13. Handtuchaustausch nur auf Anfrage
  14. Wassersparende Toilettenspülung
Nachhaltigkeitskriterien auf bookitgreen.de

Die Zertifizierung

Beispiel für ein Nachhaltigkeitslabel

Im Tourismus gibt es neben den traditionellen Sternen und Kochmützen inzwischen über 100 Gütesiegel. Hierbei ist es aber wichtig zu beachten, ob die Reiseunternehmen sich selbst ein Label und damit die Kriterien selbst vergeben oder ob dies von externen Instituten kontrolliert wird. Außerdem spielen bei einigen bisher nur Maßnahmen zum Schutz der Umwelt eine Rolle. FAIRreisen ist aber mehr als das! Zunehmend werden glücklicherweise auch wirtschaftliche, soziale und kulturelle Aspekte wie faire Arbeitsbedingungen für Beschäftigte im Tourismus oder der Erhalt des kulturellen Erbes in die Anforderungen (Standards) von touristischen Nachhaltigkeitslabels einbezogen. Fairunterwegs.de hat zum Beispiel einen sehr transparenten Katalog erstellt, in dem alle Zertifikate nach Ländern sortiert aufgelistet sind. Auch Reisebüros haben im übrigen solche Daten vorliegen. Jedes Hotel wird stolz auf eine solche Zertifizierung sein – fragt einfach mal nach.

spektakuläre Übernachtungsformate auch in Deutschland

Es sollte etwas exotischer sein? Wie wäre es zum Beispiel mit einer Übernachtung im Baumzelt oder einem Riesenbett auf einer Wiese? Die Jugendherbe in Hoherodskopf (Hessen) bietet eine Übernachtung im Baumzelt oder einem riesen Bett direkt auf der Wiese. Eure Pantoffeln könnt ihr somit gerne zu Hause lassen.

Jugendherbergen gelten oftmals als altmodisch, haben sich aber zu modernen, hotelähnlichen Unterkünften entwickelt. Die Jugendherbergen und die Landesgeschäftsstellen beziehen mit wenigen Ausnahmen zu 100 Prozent regenerativen Strom. Zur Zeit haben 120 Jugendherbergen einen CO2-Fußabdruck, also ihre Klimabilanz erstellt und 107 Jugendherbergen sind biozertifiziert, d. h. sie setzen im Verpflegungsbereich Biokomponenten ein. Basis dieser ganzen Einzelaspekte ist die Nachhaltigkeitserklärung , in der es heißt:

Als bundesweit größter und gemeinnütziger Anbieter von Klassenfahrten und Freizeiten sowie Bildungsveranstaltungen und internationalen Maßnahmen bekennt sich das DJH im Bewusstsein seiner Verantwortung für eine lebenswerte Welt und die Wahrung von Entwicklungschancen kommender Generationen zur Förderung einer Nachhaltigen Entwicklung. 

DJH

Ein weitere, sehr außergewöhnliche Form der Übernachtung ist ein Kloster. Das Kloster Engelthal in Altenstadt zum Beispiel bietet dir als Einzelperson oder euch als Gruppe eine ganz besondere Kulisse: Hier kann man in zwei modernisierten Gästehäusern aus der Barockzeit Stille und Abstand vom Alltag finden.

Es soll nicht so weit sein in diesem Jahr? Hier in der Region, in Havixbeck, gibt es die Möglichkeit, in einem Schäferwagen zu übernachten – mitten in der Natur!

Und JETZT?

Wenn wir jetzt also einfach mal zulassen, den Flieger als Verkehrsmittel aus unserer Planung zu streichen und auch unsere Augen für die Nachhaltigkeitskriterien öffnen – dann bleibt immer noch eine RIESEN Auswahl an Möglichkeiten! Ein paar Empfehlungen für die klimaverträgliche Urlaubsplanung:

  • möglichst kurze Anreisestrecke
  • wenn möglich, Anreise mit Bus oder Bahn
  • Vor Ort die Region emissionsfrei per Rad oder zu Fuß erkunden
  • Urlaubsregionen mit gutem öffentlichen Verkehrsangebot vorziehen, CarSharing-Angebote prüfen
  • Bei der Wahl der Unterkunft auf Energiesparmaßnahmen, Ökosiegel und Bio- bzw. regionale oder auch vegetarische Küche achten

Viele Reiseberichte, Tipps zur Bus-, Bahn- und Fähranreise sowie jede Menge klimaschonender Unterkünfte und Erklärungen zu den Ökosiegeln im Tourismus finden sich im Übrigen auch unter www.wirsindanderswo.de.

Und was ist aus Sebastian und seinem Fernweh geworden?

Sebastian ist aktuell wieder unterwegs. Er hat sich gemeinsam mit seiner Freundin einen Bulli gekauft und umgebaut. Statt mit dem Flugzeug bereisen beide mit ihrem roten Bulli Europa, soweit Corona dies zulässt. Nebenbei gründet er von unterwegs dabei noch ein Start-up im Bereich nachhaltige Lieferketten.


Unsere Quellen

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