Nico Karel, was macht eine Druckerei umweltfreundlich?

Nico Karel (Jahrgang 1983) betreibt gemeinsam mit Michael Höing (Jahrgang 1985) und Martin Weigelt (Jahrgang 1969) in Coesfeld-Lette die Druckerei „Satzdruck“. Das operative Geschäft leiten die drei seit knapp 15 Jahren. In die Geschäftsführung sind sie im Rahmen einer „altersbedingten Nachfolgeregelung“ 2010 eingestiegen und haben 2015 die damalige „Paus Medien GmbH“ als alleinige Geschäftsführer komplett übernommen.

Bereits sehr früh war ihr Weg dabei vorgezeichnet: Michael Höing und Nico Karel sind über ein Schülerpraktikum in der 9. Klasse in die Letteraner Druckerei gekommen. Hier hat Michael Höing danach seine Ausbildung zum Medientechnologen (Offsetdrucker) und Nico Karel zum Mediengestalter gemacht. Martin Weigelt ist nach seiner seine Ausbildung zum Druckformhersteller in das Letteraner Druckunternehmen gewechselt. Somit sind alle deutlich über 20 Jahre mit dem Unternehmen verbunden. Durch die Abendschule haben alle drei sich weiterentwickelt, um das Unternehmen durch unterschiedliche Schwerpunkte gut aufstellen zu können.

Nico Karel, wie kamen Sie darauf, eine Druckerei sehr viel stärker auf das Thema ökologische Nachhaltigkeit auszurichten?

Wir sind alle Familienväter und fühlen uns unseren Kindern und Kunden verpflichtet, unser Geschäft möglichst nachhaltig zu betreiben. Dabei haben wir auf unserem Weg festgestellt, dass Ökologie und Ökonomie kein Widerspruch ist, sondern ganz im Gegenteil bedeutet:

„Wo man CO₂ sparen kann, spart man fast immer auch Geld!“

Trotzdem können wir in einer hart umkämpften Branche natürlich nicht grenzenlos investieren und alles umsetzen, was denkbar ist, aber Schritt für Schritt kommen wir den Zielen näher.

Was macht eine nachhaltige Druckerei anders als eine „konventionelle“ Druckerei in Dingen wie Papier, Farbe oder auch Abfall?

Bio-Druckfarbe bei der Firma Satzdruck aus Lette

Der Nachhaltigkeitsgedanke muss bei einem Geschäftsführer heute bei jeder Entscheidung präsent sein. Steht eine Investition an, der Einkauf von Materialien oder eine bauliche Maßnahme muss immer der Gedanke dabei sein „Geht das auch klimafreundlicher?“. Dabei stellt man dann schnell fest, dass man nicht nur was für die Umwelt tun kann, sondern auch für den eigenen Geldbeutel. Investiere ich in eine Maschine, die komplett prozessfrei arbeitet, also ohne Chemie und Wasser, schont das nicht nur die Umwelt, sondern spart auch den Einkauf und die Entsorgung dieser Stoffe. So hat sich eine Investition relativ schnell selbst finanziert und spart neben CO₂ auch noch Geld. Die Umstellung auf LED-Beleuchtung hat sich im ersten Jahr durch die Stromeinsparung selbst finanziert und spart seitdem jeden Tag Geld.

Unsere Farbe ist eine Bio-Druckfarbe, die ohne den Zusatz von Mineralölen funktioniert. Zudem drucken wir komplett Alkoholfrei im Offsetdruck und brauchen nur wenig chemische Zusätze im Druckprozess. Mit unserer 2021 neu aufgestellten Offsetdruckmaschine sparen wir beim Rüsten noch mal deutlich Makulaturbogen und können einzelne, nicht benötigte Farbwerke komplett ausschalten, so dass diese nicht unnötig mitlaufen. Das spart Strom und reduziert den Verschleiß. Unseren Strom beziehen wir seit dem 01.01.22 übrigens zu 100 % vom neuen Bürgerwindpark der emergy, der direkt vor unserer Haustür liegt.

Unser Abfall besteht zum Großteil aus Papier, das wir als hochwertigen Rohstoff an ein Recyclingunternehmen verkaufen. Das geht zu 100 % wieder in den Papierkreislauf. Ansonsten haben wir unsere Abfälle auf „Haushaltsgrößen“ reduzieren können, sodass neben ein paar Säcken Folien, etwas Restmüll und ein paar Biomüllbeuteln aus der Küche fast nichts Weiteres anfällt. Unser Wasserverbrauch entspricht dem eines 4-Personenhaushalts.

Es kann einem schon ein wenig der Kopf schwirren bei den ganzen Begrifflichkeiten zum Thema Papier. Können Sie kurz erklären, was der Unterschied zwischen Recyclingpapier, Naturpapier und holzfreies Papier ist?

Zu den Papiertypen könnte man hier einen seitenlangen Vortrag halten, aber wir versuchen es kurz zuhalten. Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen folgenden Papiertypen: 

  • Gestrichenen Papieren (z.B. Bilderdruck matt/glänzend) bei denen die Oberfläche mit einem Kreidestrich versiegelt wird. Holzfrei heißt hier nicht, dass das Papier keine Frischfasern aus Holz enthält, sondern nur, das der Anteil des Holzstoffes, das Lignin, sehr gering (unter 5 %) ist. Es wurde chemisch dem Holz entnommen. Bei manchen Produkten mit dünnem Papier (z.B. Magazinen) kann es Sinn machen „leicht holzhaltiges Papier“ einzusetzen, um ein Durchscheinen des Druckes zu vermeiden.
  • Naturpapiere sind ungestrichene Papiere, also ohne den Kreidestrich und offenporig. Die Haptik nicht so glatt wie bei Bilderdruckpapieren und die Optik deutlich matter, da diese Papiere nicht glänzen.
  • Recyclingpapiere sind Papier mit einem Altpapieranteil. Bei diesen wird Altpapier mit Wasser, Chemie und Energie „de-inkt“, also die Druckfarbe gelöst und rausgewaschen. Damit sich die Papierqualität von Recyclingpapier nicht dauerhaft verschlechtert, müssen dem Altpapier immer wieder Frischfasern wie Zellstoff und Holzstoff beigemischt werden. Frischfaserpapiere lassen sich im Durchschnitt sieben Mal recyclen, dann wird die Faser zu kurz. Diese Papiere sind heute auch nicht mehr alle grau/bräunlich, sondern sind auch hochweiß zu bekommen. Oft wird die Recyclingoptik allerdings bewusst eingesetzt, um die Umweltfreundlichkeit eines Produktes zu unterstreichen
  • Relativ neu auf dem Markt sind Papiere bei denen weniger bzw. gar kein Holz benötigt wird. Z.B. Graspapier, bei dem Gras als Füllstoff eingesetzt und somit Holz eingespart wird, oder auch Zuckerrohrpapier das komplett aus der Bagasse (Abfallprodukt der Zuckerrohrindustrie) hergestellt wird.

Fast alle Papiere die wir heute einsetzen tragen Zertifikate wie FSC, PEFC, den „blauen Engel“ oder sind Recycling-/ oder Altpapiere. Auf Wunsch können wir Projekte unserer Kunden vom FSC zertifizieren lassen und diese mit entsprechendem Label auch so kennzeichnen.

Der Klimawandel führt zunehmend auch zu einem wirtschaftlichen Druck auf alle Unternehmen in allen Branchen. Nehmen Sie eine Zunahme wahr, was Anfrage von Druckmaterialien aus nachhaltigen Rohstoffen betrifft? 

Ganz klar JA, die Nachfrage nach umweltfreundlichen Drucken nimmt stark zu. Gerade der Druck auf Recyclingpapier mit Bio-Druckfarben ist gerade sehr gefragt.

Hier liegt auch ganz klar eine unserer Stärken. Der Einsatz von Recyclingpapier bedeutet nicht, dass man Abstriche bei der Qualität machen muss. Wir drucken schon lange sehr hochwertige Projekte auf Recyclingmaterialien in brillanter Qualität. Das schätzen auch unsere Kunden sehr. Aktuell arbeiten wir daran neue Papiere aus Gras und Zuckerrohrabfällen bei uns einzuführen. Das ist ein sehr spannendes Thema, da diese Papiere eine noch bessere Umweltbilanz haben als Recyclingpapiere.

Sie haben im Jahre 2017 an einem Ökoprofit-Workshop des Kreises Coesfeld teilgenommen, bei dem Umwelt- und Klimaschutz im Vordergrund standen. Was war das Ziel und wie kann ich mir den Prozess genau vorstellen? 

Öko-Profit war für uns ein echter Gewinn und würden wir jedem Unternehmer uneingeschränkt empfehlen. Als „junge Geschäftsführer mit langer Betriebszugehörigkeit“ ist man ja doch „Betriebsblind auf beiden Augen“.

Bei den Workshops von Öko-Profit, die abwechselnd in den teilnehmenden Betrieben (unter anderem Industrie, Handwerk, soziale und öffentliche Einrichtungen) stattgefunden haben, wurden verschiedene Themenfelder wie Energiewirtschaft, Wasser, Abfall, Arbeitssicherheit usw. behandelt.

Die besprochenen Themen konnten wir direkt auf unseren Betrieb adaptieren und viele, auch zum Teil nur kleinere Veränderungen anstoßen, die uns heute besser und umweltfreundlicher Arbeiten lassen.

Das Sammeln der Kennzahlen zu Strom- und Wasserverbrauch, Abfallmengen, Benzin/Diesel für den Fuhrpark, Materialeinkauf und -entsorgung usw. war sehr mühselig, hat uns aber die Augen geöffnet und an vielen Punkten verbessert. Zudem standen uns externe Berater zur Verfügung, die bei mehreren Betriebsbegehungen auf Verbesserungspotenziale hingewiesen haben. Zum Ende der Workshops wurden die Ergebnisse in einer Präsentation der Arbeitsgruppe, dem Landrat des Kreises Coesfeld und der Presse vorgestellt. Ich denke der Workshop hat sich für alle Teilnehmer, auch besonders durch den persönlichen Austausch untereinander sehr gelohnt.

Sie geben an, dass sie klimaneutral drucken. Was bedeutet das genau und wie sind Sie dahin gekommen? 

Um es ganz klar vorwegzunehmen:

Niemand produziert Klimaneutral, wo gearbeitet wird fallen auch Späne!

Druckwerke der Firma Satzdruck

Wir versuchen diese so klein wie möglich zu halten, unter anderem mit den erarbeiteten Prozessen aus den Öko-Profit-Workshops, unserer intrinsischen Motivation und natürlich auch aus ökonomischen Gründen.

Was wir zusätzlich machen dürfen ist, den angefallenen Co2-Austoß mit einer monetären Abgabe an eine Organisation (natureOffice) zu kompensieren. Wenn man so will ist dies nichts anderes als ein „Ablasshandel“. Der Kunde bezahlt zu seinem Druckpreis eine, meist recht geringe, zusätzliche Abgabe und darf die Verwendung des Geldes einem Umweltförderprojekt selbst zuordnen. Wir zahlen diese Abgabe dann an den Partner, der Kunde erhält eine projektbezogene Urkunde und darf sein Produkt mit dem entsprechenden Label als „klimaneutral gedruckt“ ausweisen.

Wir arbeiten zurzeit an einer komplett Co2-Kompensierung unseres Betriebes, so dass alle Arbeiten die wir machen „klimaneutral“ (besser hieße es „Co2-Kompensiert“) sind.

Auch sogenannte Onlinedruckereien werben immer mehr mit dem Begriff „Klimaneutralität“. Was können Sie dem entgegensetzen?

Ich denke in einer so heftig globalisierten Welt tut es allen gut wieder etwas zum Ursprünglichen zurückzukehren.

Es nutzt dem Planeten ja nichts, wenn wir „klimaneutral“ ein Päckchen Visitenkarten produzieren, es aber in mehreren Umkartons durch halb Deutschland verschicken.

Der Fußabdruck für den Transport ist dann höher als für den Druck. Das haben wir auch einigen potenziellen Kunden schon genau so mitgeteilt die „möglichst Klimaneutral“ einen Druckauftrag vergeben wollten, aber 600 km weit weg wohnen. Das lässt sich auf eigentlich alle Bereiche im Handwerk und Handel abbilden. Es wird Zeit das „Geiz ist Geil“ wieder aus den Köpfen zu bekommen, „Local is King“ wäre doch toll. 🙂

Danke für ihre Zeit. Das wäre ganz im Sinne eines guten Umwelt- und Klimaschutzes!


Hinweise zum Ökoprofit:

Im ÖKOPROFIT-Einsteigerprogramm vom Kreis Coesfeld erarbeiten die Unternehmen folgende Maßnahmen:

  • Identifizierung von Einsparmöglichkeiten durch Umweltmaßnahmen;
  • Steigerung des Umweltbewusstseins der Mitarbeiter;
  • Vernetzung der teilnehmenden Betriebe und der Kommune.

Dieses geschieht sowohl durch gemeinsame Workshops als auch durch einzelbetriebliche Beratungen, die erfahrene Umweltberater:innen durchführen. Am Ende steht eine Auszeichnung der teilnehmenden Betriebe als „ÖKOPROFIT-Betrieb“. Insgesamt haben bei der zweiten Runde im Jahre 2017 Ökoprofit die Unternehmen gemeinsam rund 194.000 EUR Ersparnis erzielt. Im Jahre 2022 haben acht Unternehmen in die dritte Runde Ökoprofit gestartet. Weitere Informationen finden sich auf der Website vom Kreis Coesfeld.

Ein weiteres Angebot innerhalb des Kreises Coesfeld ist das Programm „Energetisch Wirtschaften“, über das Unternehmen eine kostenlose Initialberatung bzgl. Energieeinsparung/ Sanierung erhalten können.

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