Stefanie Flam, wie kann der Ausbau von Windenergie vorangetrieben werden?

Stefanie Flam (Geburtsjahr 1992) ist Referentin für Unternehmenskommunikation bei SL Naturenergie. Die SL Naturenergie hat in Coesfeld den größten Windpark, der im Jahr 2021 in Nordrhein-Westfalen ans Netz gegangen ist, geplant und gebaut. Betrieben wird der Windpark Coesfeld Letter Bruch von der Windpark Coesfeld Letter Bruch GmbH & Co. KG.

Stefanie, der Ausbau von Windenergie ist in den letzten Jahren massiv eingebrochen. Einige Energie-Experten warnen davor, dass die Klimaziele nicht erreicht werden, wenn der Ausbau nicht deutlich beschleunigt wird. Wie können Kommunen und auch Bürger:innen auf lokaler Ebene die Energiewende antreiben?

Die Energiewende lässt sich am besten vorantreiben, indem zum einen Kommunen und Privatleute geeignete Flächen für den Ausbau Erneuerbarer Energien zur Verfügung stellen, und zum anderen, indem bereits geplante oder begonnene Projekte nicht blockiert werden – weder von Kommunen noch von Bürger:innen.

Anders als in Coesfeld werden nämlich genehmigte Projekte viel zu oft von Anwohner:innen oder Interessensgemeinschaften auf kommunaler oder landesweiter Ebene beklagt. Oder es kommt gar nicht erst zur Genehmigung, weil der Antrag für ein Bauvorhaben von den Behörden mit fadenscheinigen Begründungen abgelehnt wird, sodass Projektierer wie wir dann wiederum gegen diese Entscheidung klagen.

Dieses Gezerre um Bauvorhaben muss aufhören.

Es kann nicht sein, dass wir im schlimmsten Fall Jahre vor Gericht verbringen, bis endlich gebaut werden darf – dafür haben wir schlicht und ergreifend keine Zeit mehr.

Stefanie Flam (SL Naturenergie)

Der Klimawandel wartet nicht auf jahrelanges Hin und Her. Und angesichts dessen muss auch die „Not in my backyard“-Mentalität aufhören. Wir alle sind betroffen und wir alle müssen etwas für die Senkung der CO₂-Emission tun.

Dass wir die Energiewende dringend brauchen, zeigt auch der Krieg in der Ukraine, denn wir sind für die fossile Energiegewinnung abhängig von Rohstoffen (vor allem Gas) aus Russland. Damit finanzieren wir nicht nur das russische Regime mit, auch unsere Strom- und Benzinpreise schießen in die Höhe. Fakt ist, dass jede erzeugte Kilowattstunde Grünstrom die Strompreise senkt. Wir müssen also eine dezentrale Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen erreichen, um die Abhängigkeit zu beenden, die Strompreise langfristig zu senken und um die Klimaziele zu erreichen. Windenergieanlagen werden daher zukünftig zum Bild vieler Gemeinden dazugehören müssen und es wäre hilfreich, wenn sich mehr Interessengemeinschaften bilden würden, die Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit in den Kommunen leisten. Ihre Initiative ist ein tolles Beispiel dafür.

Der Ausbau des Windparks im Letter Bruch hat neun bis zehn Jahre für Planung und Umsetzung in Anspruch genommen. Für eine Energiewende, die wesentlich schneller vollzogen werden muss, eine schier unendliche Zeit. Was muss passieren, um diese Prozesse zu beschleunigen? 

In Coesfeld hat tatsächlich die Ausweisung der Flächen mehr als fünf Jahre in Anspruch genommen, da man sehr bemüht war, die geeignetsten Flächen zu finden. Die Genehmigung und der Bau der Windenergieanlagen gingen dann vergleichsweise schnell.

Das bundesweite Ziel muss sein, dass kein Bauvorhaben mehr länger als drei bis vier Jahre dauert.

Stefanie Flam (SL Naturenergie)

Zurzeit dauern viele Projekte doppelt so lange. Dafür müssen die Genehmigungsverfahren verschlankt und die Behörden personell aufgestockt werden. Letzteres gilt vor allem für das Oberverwaltungsgericht, um die Klagewelle aufzufangen.

Generell ist es sinnvoll, Bürger:innen mitzunehmen, gerade wenn es in Zeiten eines Wandels ist. Ein Weg, Akzeptanz für den Ausbau der Windenergieanlagen im näheren Umfeld zu erhalten, scheinen Bürgerbeteiligungen für Windkraftanlagen zu sein. Wie sehen solche Beteiligungsmöglichkeiten konkret aus und für wen sind diese möglich?

Auf jeden Fall! Wir sind überzeugt davon, dass Bürger:innen an Windenergieanlagen beteiligt werden müssen. Die Anlagen sollen nicht nur in den Gemeinden stehen, sondern richtig dazugehören. So machen wir immer wieder die Erfahrung, dass Anwohner:innen neue Anlagen eher akzeptieren, wenn sie daran teilhaben können.

Daher bieten wir in jedem Windpark, den wir neu bauen, eine Beteiligungsmöglichkeit für Anwohner:innen an, die über eine Laufzeit von 20 Jahren (oder minimal 10 Jahren) mit circa 5 % verzinst wird. Eine Investition ist ab 500 € möglich, das Maximum liegt bei 25.000 €.

Aber auch diejenigen, die nicht direkt investieren können oder wollen, sollen von unseren Windenergieanlagen profitieren, sodass wir eine Stiftung gegründet haben, die mit prozentualen Anteilen aus den Erträgen der Anlagen gemeinnützige Vereine vor Ort unterstützt. Zudem bleibt der Großteil der Gewerbesteuer am Standort. Mit diesem Gesamtpaket möchten wir eine größtmögliche Wertschöpfung vor Ort und dadurch mehr Akzeptanz erreichen. Das klappt in der Regel gut.    

Windenergie ist nur zu bestimmten (Jahres-) zeiten sehr effektiv. Was muss sich noch tun, damit wir eine Energiewende schaffen?

Das stimmt so nicht ganz, denn die neuesten Generationen Windenergieanlagen können auch bei mäßigem Wind im Binnenland Strom generieren. Das wird dadurch möglich, dass die Anlagen höher gebaut werden und längere Rotorblätter besitzen. Langsamere Umdrehungen bei gleichzeitig mehr Leistung erzielen einen höheren Ertrag. Trotzdem bedingt die Windstrom-Erzeugung natürlich das Wetter und aktuell noch die Auslastung des Stromnetzes.

Verstopfen klimaschädlicher Kohle- und Atomstrom das Netz, müssen Windenergieanlagen bedauerlicherweise abgeschaltet werden. So lassen wir wertvolle Zeit, in der wir klimaneutral Strom produzieren könnten, verpuffen.

Stefanie Flam (SL Naturenergie)

Wir müssen erreichen, dass die Einspeisung von Windstrom nicht mehr nur nach Bedarf, sondern auf einem konstant hohen Level erfolgt, also permanent Überschuss generiert wird. Damit würde dann zuerst einmal der gesamte Stromverbrauch abgedeckt und der Rest würde gespeichert oder fließt in die Industrie für die Produktion von Wasserstoff. Für diese Umstrukturierung der Energieversorgung wäre außerdem ein smartes Stromnetz wünschenswert, das regionale Schwankungen ausgleichen und Überlastung selbstständig verhindern kann.

Windenergieanlagen stellen eine umweltfreundliche Alternative zu klimaschädlichen Energien dar. Trotz hoher gesellschaftlicher Zustimmung, gibt es auch Misstrauen, Ängste und Sorgen gegen Projekte dieser Art. Müssen wir uns auf Gesundheitsgefahren oder Stromausfälle einstellen? 

Nein, definitiv nicht. Bisher konnte keine Studie nachweisen, dass Infraschall krank macht. Im Gegenteil: Die Studien belegen, dass keine gesundheitliche Belastung zu befürchten ist und Infraschall deutlich unter der Hör- und Wahrnehmungsschwelle der Menschen liegt. Bereits ab 250 Metern Entfernung ist er weder hör- noch fühlbar und Windenergieanlagen stehen in der Regel deutlich weiter weg von Wohnhäusern.

Zudem gibt es heute strenge Regelungen für die Lautstärke. Dennoch gibt es Menschen, die unter Beschwerden leiden, und das ist ernst zu nehmen. Die Beschwerden lassen sich wahrscheinlich auf den sog. Nocebo-Effekt zurückführen, was bedeutet, dass die Betroffenen an der Angst vor gesundheitlichen Schäden erkranken statt an tatsächlichen akustischen oder optischen Signalen. Dagegen hilft nur eins: mehr Aufklärung.

Ein höherer Infraschall-Wert als der einer Windenergieanlage in 250 Metern Abstand lässt sich übrigens im Innenraum eines mit 130 km/h fahrenden Mittelklasse-PKWs messen. Auch Haushaltsgeräte wie Kühlschrank oder Heizung verursachen Infraschall und die haben wir alle freiwillig zu Hause.

Die Energiewende ist ein Gemeinschaftsprojekt, bei dem wir alle ins Boot holen und an einem Strang ziehen müssen. Dann haben wir auch keine Stromausfälle zu befürchten. Die werden nur auftreten, wenn demnächst Atom- und Kohlekraftwerke vom Netz gehen und wir mit dem Ausbau Erneuerbarer Energien nicht vorankommen.    


Zum Projekt Windpark Letter Bruch

In Coesfeld Letter Bruch ist einer der landesweit größten Windparks für die Umsetzung der lokalen Energiewende entstanden. Der größte, der im Jahr 2021 in Nordrhein-Westfalen ins Netz gegangen ist, und der drittgrößte bundesweit. Betrieben wird der Windpark Coesfeld Letter Bruch von der Windpark Coesfeld Letter Bruch GmbH & Co. KG.

Die 13 Windenergieanlagen im Letter Bruch produzieren jedes Jahr rund 125 Millionen kWh sauberen Strom. Damit kann nicht nur rechnerisch der Bedarf von mehr als 40.000 Haushalten klimaneutral gedeckt, sondern auch 53.000 Tonnen CO₂ eingespart werden. Der Anteil Erneuerbarer Energien am Gesamtstromverbrauch ist damit in Coesfeld auf über 100 % gestiegen. Ein Meilenstein für den Klimaschutz!

Zudem unterstützt der Windpark Coesfeld Letter Bruch mit einem Teil der finanziellen Erträge das gesellschaftliche Engagement der Bürgerstiftung Coesfeld. Die Stiftungsgelder werden dazu dienen, gemeinnützige Vereine, Projekte und Initiativen vor Ort und speziell im Ortsteil Lette zu fördern. Die Vergabe wird über ein Kuratorium der Bürgerstiftung Coesfeld erfolgen. (Quelle: SL Naturenergie)

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