Verantwortungseigentum – Wie könnte wirtschaften mit Sinn aussehen?

Mit steigendem Klimabewusstsein haben sich auch die Werbeaussagen unserer Wirtschaft verändert. Vermehrt werden Produkte mit „grünem“ Label angeboten. Dies soll den klimafreundlichen Konsumierenden gezielt ansprechen. Doch welches Unternehmen wäscht sich dadurch lediglich grün und will Gewinne maximieren? Und welches Unternehmen verfolgt tatsächlich ideologische Werte und achtet auf soziale und ökologisch nachhaltige Aspekte? Einerseits ist das für den Konsumierenden schwer zu erkennen, aber auch für Unternehmen ist es eine Herausforderung, sich hierbei transparent zu machen und seinen Unternehmenszweck nachhaltig zu sichern. 

Deswegen müssen wir darüber sprechen

Was wir aktuell in der Wirtschaft sehen: Durch den ökonomischen Fokus auf Gewinnmaximierung und Steigerung des Unternehmenswertes, entstehen große Unternehmen mit Menschen, die im Kontext ihrer Organisation alles andere als verantwortungsbewusst handeln. Fremdeigentümer:innen entscheiden aus weiter Entfernung heraus, fühlen jedoch die Konsequenzen ihrer Entscheidungen nicht. Dieses System erzeugt strukturelle Verantwortungslosigkeit und schafft Unternehmen ohne soziale und nachhaltige Verantwortung.[1] Doch wie kann eine Organisation aussehen, die menschenzentriert und nachhaltig arbeitet? Und welchen Beitrag können Unternehmen für eine zukunftsfähige Wirtschaft leisten?

Der Erfolg eines Systems

Die Nichtkäuflichkeit von Ämtern, Macht und Würde ist aktuell essenziell für den Erfolg eines Systems. Der moderne Staat zum Beispiel konnte erst mithilfe von Beamten, die nach Fähigkeit und Leistung aufgebaut wurden, eine funktionierende Verwaltung aufbauen.

Würde dieses System nicht auf einem Fähigkeitenprinzip gründen, hätten wir auch nicht die derzeitigen Erfolge erzielt. Ein praktisches Beispiel:  Wenn die Lehrstühle im Bereich Forschung und Lehre käuflich sind oder Blutsverwandtschaft eine Rolle spielt, dann wäre dieser Bereich nicht so erfolgreich, denn Titel würden vor Wissen stehen.

In einem Bereich unserer Gesellschaft sind jedoch Ämter noch käuflich oder vererbbar – beim Amt „des Eigentümers eines Unternehmens“. Dies hat mit dem Verständnis von Eigentum zu tun: unsere Gesetze verstehen Eigentum am Unternehmen heute nicht als Amt bzw. als Aufgabe, sondern als Geldanlage, als Instrument zur Gewinngenerierung für die Unternehmer:innen.[2]

Gibt es eine Alternative?

Verantwortungseigentum kann eine Alternative bzw. sinnvolle Ergänzung in diesem Bereich sein.

Hierbei gibt es zwei Prinzipien:[3]

  1. Das Sinnprinzip: Gewinne sind Mittel zum Zweck. Unternehmen in Verantwortungseigentum betrachten Gewinne als Mittel zur Erfüllung des Unternehmenszwecks und nicht als reinen Selbstzweck. Die vom Unternehmen erwirtschafteten Gewinne werden reinvestiert, zur Deckung der Kapitalkosten verwendet oder gespendet. Das Vermögen des Unternehmens ist nicht privatisierbar
  2. Das Selbstbestimmungsprinzip: Unternehmerschaft gleicht Eigentümerschaft. Unternehmen in Verantwortungseigentum stellen sicher, dass die Stimmrechte bei Menschen liegen, die eng mit dem Unternehmen verbunden sind – damit ist das Unternehmen selbstbestimmt. Entscheidungen werden also von denjenigen getroffen und ausgeführt, die mit der Organisation innerlich verbunden sind, nicht von anonymen Anteilseigner*innen. Die Verantwortungseigentümer*innen übernehmen die unternehmerische Verantwortung für das Handeln, die Werte und das Vermächtnis des Unternehmens.

Mit dem Verantwortungseigentum wird es Unternehmen also ermöglicht, den Sinn ihres Handelns zu fokussieren. Die Ausrichtung des Unternehmens wird danach entschieden, was am besten für den langfristigen Erfolg und die Unternehmensidee ist und nicht für die finanziellen Interessen von Einzelnen.

Das „Steuerrad“ des Unternehmens ist somit nicht mit ökonomischen Anreizen „infiziert“. Im Vergleich zu Gewinnrechten kann es auch nicht frei verkauft oder vererbt werden. [4]

Definition Verantwortungseigentum: Verantwortungseigentum beschreibt eine Unternehmensform, bei der Kapital und Gewinne dauerhaft ans Unternehmen gebunden sind. Damit wird nach Außen sichergestellt, dass investierte oder gespendete Mittel für den Unternehmenszweck verwendet werden und nicht für den Selbstzweck entnommen werden.

Rechtsform für eine langfristige Wertesicherung

Immer mehr Unternehmen in Deutschland wollen ihr Unternehmen zweckorientiert bzw. in Verantwortungseigentum aufstellen – es fehlen jedoch aktuell adäquate rechtliche Rahmenbedingungen. Besonders für Unternehmen, die ihre Werte langfristig sichern wollen, sind die Genehmigungsprozesse und Rechtskonstruktionen finanziell und zeitlich sehr aufwendig.[5]

Erfolgreich geführte Unternehmen in Verantwortungseigentum

Große Unternehmen wie Zeiss und Bosch leben diese Praxis bereits seit Jahrzehnten vor. Alnatura, Voss und Elobau führen ein Unternehmen aus einer bestimmten Haltung heraus. Immer mehr Start-ups wie die Suchmaschine Ecosia und Einhorn (vegane Kondome und Periodenprodukte) wollen ein Unternehmen, dass sich selbst gehört und einen Sinn verfolgt.

Mehr dazu könnt ihr in dem Videobeitrag erfahren. 

„Mehr Sinn statt Gier – Kapitalismus neu gedacht“ bei arte re:

Und JETZT?

Es muss in Zukunft eine Möglichkeit geben, sich und seinen Firmenwerten treu zu bleiben und auch die Nachfolge im Interesse des Unternehmens zu handeln. Für Unternehmen, denen es nicht um die persönliche Bereicherung geht, sondern um einen Unternehmenszweck, fehlt aktuell die passende Rechtsform dafür.

Das Ziel und die Mission wird durch eine Rechtsform klar formuliert: Es ist ein Versprechen gegenüber Kunden, Mitarbeitern und dem Unternehmenszweck. Geld dient dabei der Aufgabe und ist Mittel zum Zweck.[6]

Die Purpose Bewegung

Kapitalismus muss neu gedacht werden – Nach diesem Grundsatz hat sich die Purpose Bewegung gebildet. Es stellt eine Gegenbewegung zum aktuellen Kapitalismus dar. Das Ziel ist eine gesunde Wirtschaft, die dem Menschen dient und einen Sinn und Zweck verfolgt. Der Zweck (engl. Purpose) eines Unternehmens rückt hierbei in den Vordergrund. 

„Verantwortungseigentum ermöglicht unabhängige Unternehmen, die langfristigen Sinn und nachhaltige Entscheidungen über kurzfristige Profitmaximierung stellen“

Purpose economy

Für interessierte Unternehmer:innen: Die Purpose economy hilft Unternehmen unabhängig und sinnorientiert zu arbeiten. Sie bieten direkte Unterstützung durch Beratung, Investments, Forschung und Wissensvermittlung durch Open Source Materialien.[7]

Rechtsform: GmbH mit gebundenem Vermögen

Die aktuellen Rechtsformen erlauben nur einem gemeinnützigen Unternehmen (z.B. gGmbH), ein Versprechen hinsichtlich des Unternehmenszwecks abzugeben. Doch einige Unternehmen verfolgen keinen gemeinnützigen Zweck.[8] Für diese ist es momentan nur mit komplizierten und aufwendigen Konstruktionen möglich die Vermögensbindung ans Unternehmen bzw. die Zweck-Orientierung in die Unternehmensverfassung rechtssicher zu verankern. Eine einheitliche Rechtsform, die das Versprechen ermöglicht gibt es noch nicht. Die Stiftung Verantwortungseigentum setzt sich deswegen für politische Rahmenbedingungen ein.[9]

Im November 2021 kam es zu einem ersten Meilenstein: Die Ampel-Koalition will eine neue Rechtsform für Verantwortungseigentum einführen. Ein entsprechender Gesetzesentwurf liegt seit Anfang 2022 vor. Mit der neuen Rechtsform soll einer „Gesellschaft mit gebundenem Vermögen“ das treuhändische Eigentum gesichert werden.[10]

Unser Fazit

Unsere Wirtschaft braucht sicherlich aus unterschiedlichsten Gründen eine Revolution. Wir brauchen aber vor allem Unternehmen, die soziale und ökologische Entscheidungen mindestens genauso gewichten wie finanzielle Anreize. Eine Rechtsform könnte ein erster Schritt in eine nachhaltige Unternehmenskultur sein. Dies würde auch gegenüber dem Konsumierenden das Versprechen geben, mit dem eigenen Einkauf eine Unternehmensidee zu unterstützen – und nicht die Taschen der Eigentümer zu füllen.

Coesfeld for Future

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