Indigene Völker: Die Hüter der Natur und ihre Angst vor dem Wandel des Klimas

Der Klimawandel – die globale Bedrohung. Es fallen Begriffe wie: Erderwärmung, Schmelzen von Gletschern, Überschwemmungen, Dürren, Auftauen der Permafrostböden, Meeresspiegelanstieg oder Verlust von Arten und Biodiversität. Globales Erkennen und Handeln ist gefragt.

Doch genau dann wird deutlich, dass wir nicht nur ein Umweltproblem zu bestreiten haben. Wir müssen auch über Gerechtigkeit sprechen. Unser Konsum und unsere Lebensgewohnheiten im globalen Norden führen im globalen Süden zur Zerstörung der Ökosysteme. Die Klimaveränderungen sind dort schon sehr spürbar, während in unserer Lebensrealität häufig der „Klimawandel“ zu abstrakt klingt oder verharmlost wird.

Deswegen müssen wir darüber sprechen

Wir leben in einer Welt und unser Handeln hat Konsequenzen für einen anderen Teil dieser Erde. Unser Konsum im globalen Norden treibt die Praktiken an, die die fragilen Ökosysteme im globalen Süden bedrohen. Durch z.B. Abholzung, Überweidung, Bergbau, nicht-nachhaltigen Tourismus und industrieller Landwirtschaft werden die Klimaschäden angetrieben und die dortige Ressourcen- und -artenvielfalt ausgebeutet (INFOE, 2011[i]).

Die betroffenen Regionen im globalen Süden sind nicht nur stärker betroffen von den Klimaveränderungen, sondern:

  1. sie sind Regionen entscheidender Kippelemente im Klimasystem der Erde
  2. sie sind größtenteils Heimat der meisten indigenen Völker und
  3. sie gehen einher mit den ausgewiesenen Biodiversitäts-Hotspots[ii] und Ökoregionen (WWF, Abb. 2) der Erde (INFOE, 2011a)
Abb. 2: Indigenous and traditional peoples in the world’s terrestrial ecoregions (Quelle: terralingua.org[iv])

Wer oder was sind indigene Völker?

Indigene Völker sind die Nachkommen derjenigen Menschen, die ein Land oder eine geografische Region zu dem Zeitpunkt bewohnt haben, als Menschen anderer Kulturen oder ethnischer Herkunft in diese Länder oder Regionen kamen. Die Neuankömmlinge wurden dann durch Eroberung, Besetzung, Besiedlung oder auf andere Weise zur dominanten Bevölkerung. Daher stammt auch der Begriff „indigen“ oder auf Deutsch „einheimisch“. Es wird geschätzt, dass es weltweit mehr als 370 Millionen indigene Völker in 70 Ländern gibt.

Sie pflegen einzigartige Traditionen und bewahren soziale, kulturelle, wirtschaftliche und politische Merkmale, die sich von denen der dominanten Gesellschaften, in denen sie leben, unterscheiden. Indigenen Völker besitzen einzigartige Sprachen, Wissenssysteme und Glaubensvorstellungen. Dazu zählt auch ihr Wissen über Praktiken für die nachhaltige Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen. Zusätzlich haben sie eine besondere Beziehung zu ihrem traditionellen Land. Dies ist für ihr kollektives physisches und kulturelles Überleben als Volk von tiefer Bedeutung.

Laut der United Nations[v] haben indigene Völker jedoch mit folgenden Dingen zu kämpfen:

  • mangelnder politischer Vertretung und Teilhabe
  • wirtschaftlicher Marginalisierung und Armut
  • mangelndem Zugang zu sozialen Dienstleistungen und Diskriminierung

Die Ökosysteme der indigenen Völker

Indigene Völker zählen zu den Bevölkerungsgruppen, die hauptsächlich von den Folgen des Klimawandels betroffen sind. Warum ist das so? Sie leben häufig in besonders sensiblen Ökosystemen. Beispiele dafür sind z.B. die Inuit (+mehr als 40 weitere indigene Völker) in der Arktis, die indigene Bevölkerung der pazifischen Inselstaaten wie Kiribati, Samoa oder Vanuatu, die Quechua, Aymara und Mapuche in den Anden oder auch die nomadischen Völker der Savannen und Wüsten Afrikas, sowie indigene Völker der tropischen Regenwälder und sehr viele andere (INFOE, 2011a).

Indigene Völker leben in folgenden Ökosystemen:

  • Polare Ökosysteme
  • Trockene und subhumide Ökosysteme wie Wüsten und Savannen, aride und semiaride Ländereien, Grasländer und mediterrane Landschaften
  • Waldökosysteme, einschließlich tropischer und subtropischer Wälder, sowie boreale und gemäßigte Wälder
  • Hochgebirgs-Ökosysteme
  • Agrarökosysteme
  • Küsten und tiefliegende Gebiete und kleine Inseln, Binnengewässer-Gebiete
  • Feuchtebenen
  • Mangroven Gebiete (Tebtebba, 2009[vi])

Welche Bedeutung hat das für unser Klima?

Zwischen den indigenen Völkern und den Ökosystemen, in denen sie leben, besteht eine enge und komplexe Beziehung. Sie sind auf diese vielfältigen Ökosysteme für ihre Ernährung, ihrer Wirtschaft, ihrer Kultur, ihrem Sozialgefüge und ihrer Spiritualität angewiesen. Die Form ihrer Landwirtschaft besteht traditionell aus dem Wanderfeldbau (z.B. im Regenwald eine Brandrodungsperiode gefolgt von einer Brachzeit). In semi-ariden und trockenen Gebieten leben indigene bzw. traditionelle Hirten, Jäger und Sammler mit einem sehr anspruchsvollen Wissen über die Erhaltung von Pflanzen und Futter, die Pflege des Viehs und die Steigerung der Produktivität dieser trockenen, halbtrockenen oder halb-feuchten Gebiete (INFOE, 2011a).

Ursachen der Klimafolgen

Was sind denn die Ursachen für die Umweltveränderungen, die diese Ökosysteme beeinflussen?

Besonders bei dem Thema Waldzerstörung wird dies häufig dem Bevölkerungszuwachs zugeschrieben, jedoch der Hauptgrund für die Zerstörung der Ökosysteme ist die Umstellung der Landnutzungsformen, Regierungspolitiken und die Integration in die Weltwirtschaft/kommerzielle Landwirtschaft (durch den Export von „cash crops“ = „Exportfrüchte“, die nicht der Selbstversorgung dienen). Der Lebensraum der dort lebenden Völker wird dadurch begrenzt und ihre Grundlage zur Nahrungssicherung wird zunehmend gefährdet. Zudem sind ihre Zugangs- und Landnutzungsrechte ihrer Heimat in Gefahr (Knoke & Morazàn, 2017[vii]). Der Klimawandel zerstört und beeinträchtigt dabei nicht nur die wirtschaftlichen Lebensgrundlagen indigener Völker, sondern ihre gesamte Lebensweise. Der Klimawandel hat somit nicht nur Auswirkungen auf die biologische Vielfalt, sondern auch auf die kulturelle Vielfalt der Erde (INFOE, 2011a).

Entwaldet wird aus vielerlei Gründen:

  • Viehzucht und Weidewirtschaft
  • Anbau von Exportprodukten („cash crops“): Soja, Palmöl (Indonesien, Malaysia), Eukalyptus und andere Holzarten (Holzindustrie)
  • Vor allem Produkte nicht für den direkten Verzehr: Futtermittel, Agrotreibstoffe etc.
  • Brennholz (afrikanischen Trockenwaldregionen)
  • Mehr als 70 % der Waldzerstörung gehen auf das Konto der kommerziellen Großproduktion (Grain, 2011[viii])

Aber nicht nur die Entwaldung stellt ein Problem dar. Auch weiterer Flächenverbrauch und die Ausbeutung von Ressourcen sind problematisch, wie etwa:

  • Aquakultur und Überfischung (Shrimp Farmen, Garnelen etc.), Überfischung weltweit ein Problem (Nuscheler, 2015[ix])
  • Tiefseebergbau
  • Staudammprojekte (INFOE, 2011a)
  • Rohstoffe (wie Roheisen, Bauxit und Kupfer) z.B. für die PKW-Produktion
  • Rohöl (Leisinger et al., 2021[x])
  • Medizinische Wirkstoffe (für die Pharmaindustrie) (Nuscheler, 2015)

Und was haben wir im globalen Norden damit zu tun?

Die kommerzielle Agrarwirtschaft ist für mehr als 70 % der Entwaldung in den Tropenländern verantwortlich (Lawson, 2014[xi]). Auch viele Produkte, die wir in der EU verbrauchen, haben mit der Entwaldung zu tun. Oft sogar aufgrund von illegalen Wald-Rodungen. Dazu zählen u.a.: Soja, Fleisch, Leder und Palmöl (Knoke & Morazàn, 2017).

Deutschland gehört neben den Niederlanden, Großbritannien (ehem. EU), Frankreich und Italien zu den größten Verbrauchern innerhalb der EU. Sie sind für drei Viertel der Fläche verantwortlich, die durch EU-Importe zerstört werden (FERN, 2014[xii]). Der Fleischkonsum wird dabei als einer der wichtigsten Treiber der Entwaldung beschrieben.

Neben der weltweit steigenden Produktion tierischer Produkte ist auch der Anbau von Agrosprit (ein Biokraftstoff) eine wichtige Ursache der Ausweitung landwirtschaftlicher Nutzflächen. Auch für den Anbau von Agrospritpflanzen werden Waldbestände gerodet oder Feuchtgebiete trockengelegt. Dabei wird deutlich mehr CO₂ freigesetzt, als über die Nutzung von Agrotreibstoffen über Jahrzehnte eingespart werden kann (Knoke & Morazàn, 2017).

Weiterhin ist die Überfischung der Meere ein wichtiger Faktor der Ressourcenausbeutung. Mangrovenwälder werden z.B. zugunsten von Shrimps und Garnelen großflächig zerstört. Die Massenproduktion der „Meeresfrüchte“ für die Versorgung der Küchen und Restaurants in den Verbraucherländern trägt maßgeblich dazu bei (durch Fischmehl Fütterung in der Aquakultur) (Nuscheler, 2015).

Was sind die Klimafolgen für uns alle?

Die Folgen dieses Handelns sind vielfältig:

  • Degradierung der Flächen, Nährstoffarmut der Böden, Erosion
  • Verlust der Resilienz von Ökosystemen und natürlichen Schutzunktionen (Mangrovenwälder)
  • Störung des Wasserhaushalts (Verdunstung und Pufferfunktion des Waldes entfällt) = führt zu Trockenheit und Überschwemmungen
  • Chemikalienbelastung und Verschmutzung
  • Gesundheitsschäden durch Luftschadstoffemissionen
  • Bewaffnete Konflikte über Ressourcen und schlechte/ausbeuterische Arbeitsbedingungen
  • Ausbeutung von natürlichen Ressourcen
  • Lebensraumzerstörung und Veränderung
  • Aussterben von Arten, Verlust der Artenvielfalt
  • Weiter- oder Rückwanderung der Bewohner (marginalisierter Bevölkerungsgruppen)
  • Fehlende Selbstversorgung, Nahrungssicherung der Bewohner
  • Zunehmende Extremwetterereignisse
  • steigender Meeresspiegel (Inselstaaten, flache Küstenregionen) = Versalzung von Böden sowie Grundwasser
  • Des Weiteren treten Klimawandelfolgen selten einzeln auf, sondern überlagern und verstärken sich gegenseitig

Quellen: Nuscheler, (2015); Leisinger et al. (2021)

Und JETZT?

Also was können wir tun? Vor allem sollte uns der Verteilungs- und Nutzungskonflikt zwischen Nord und Süd bewusst werden. Die Übernutzung von Böden, Wäldern und Meeren ist eine direkte Folge unseres Konsums. Unsere vermehrte Nachfrage erhöht den Druck auf die Ökosysteme und begünstigt die direkte und indirekte Landnutzungsveränderung (Knoke & Morazàn, 2017). Das betrifft die meisten Teile unseres Alltags: Ernährung, Kosmetik, Bekleidung, Besitzgüter, Energie, Mobilität und Tourismus.

Zudem sollte der kolonialistische Ursprung von Entwicklungsarbeit nicht vergessen werden. In der internationalen Politik lassen sich schon länger Trends der „grünen Wirtschaft“ und „Nachhaltigkeit“ im Diskurs beobachten. Besonders durch die „Global food crisis“ 2007/2008 und durch die Rio+20 Konferenz 2012, sind die Ideen in Bezug auf Landwirtschaft und Ernährung wieder befeuert worden. Es wird jedoch auch gleichzeitig deutlich, dass bei einer globalen Betrachtungsweise, die „Grüne Wende“ unterschiedliche Schwerpunkte im Globalen Norden setzt als im Globalen Süden bzw. sich unterschiedlich realisieren lassen muss. Generell wird die „grüne Wirtschaft“ als Chance gesehen: Menschen, Planet und Profit gemeinsam zu realisieren und dabei nachhaltige Entwicklung zu unterstützen. Im Globalen Norden bedeutet dies vor allem eine technologische und marktbasierte Herangehensweise (besonders im Bereich der erneuerbaren Energien). Im Globalen Süden sind diese Herangehensweisen ebenfalls relevant, jedoch werden dort verstärkt auch Themen wie Umweltschutz, Modernisierung, Zugang und Kontrolle über natürliche Ressourcen wichtig (Bergius & Buseth 2019[xiii]).

Der Klimawandel betrifft indigene Völker nicht nur direkt, sondern auch indirekt durch Maßnahmen, die im Rahmen des Klimaschutzes und der Anpassung an den Klimawandel verstärkt gefördert werden. So bedrohen Projekte zur Verminderung von Emissionen aus Entwaldung, die Abholzung von Regenwäldern für Ölpalmenplantagen, Staudamm-Projekte und ähnliche Maßnahmen die Ökosysteme (INFOE, 2011a). Die Erhaltung der biologischen Vielfalt ist entscheidend und dazu ist auch die Erhaltung des traditionellen Wissens der indigenen Völker über das in der Natur gespeicherte Potenzial wichtig. Die Großkonzerne und die kommerzielle Ausbeutung und Nutzung bedrohen dies ganz massiv. Indem den indigenen Völker kein Eigentums- und Verfügungsrecht gewährt wird, sind die entscheidenden Kipppunkte und Biodiversitäts-Hotspots dieser Welt in Mitleidenschaft gezogen worden.

Wir brauchen mehr Bewusstsein darüber, dass wir so nicht weiter verfahren können und dass die Biodiversität und der Kulturerhalt auf der Erde, der ganzen Erde zugutekommt. Und anstatt den „Entwicklungsländern“ die Schuld zuzuweisen und weiter die „Grüne-Industrie-Narrative“ zu verfolgen, muss es ein Fokus auf Ernährungssicherheit, aber auch Ernährungssouveränität geben.

Wir können unseren Wohlstand nicht über die Ernährung anderer stellen.

Coesfeld for Future

Projekten und NGOs, die sich für den Erhalt der Biodiversität, den Kleinbauern im Globalen Süden, Ernährungsgerechtigkeit und den Rechten der indigenen Völker verschrieben haben, sollten wir mehr zuhören. Wir sollten den Klimawandel endlich wirklich global betrachten! Mit allen Wirkungsketten!


Quellenangaben:

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