Wie kann ein privates Carsharing-Modell funktionieren?

Therese & Markus Kirsch teilen sich seit Januar 2020 mit ihren Nachbarn Claudia & Simon Böinghoff den Zweitwagen. Vier berufstätige Erwachsene, die in Münster, Altenberge und Stadtlohn arbeiten sowie vier Kinder im Alter zwischen 5 und 8 Jahren. Ein spannendes Mobilitätskonzept finden wir und wollten genauer wissen, wie beide Familien das Sharingmodell leben.

Hallo ihr drei und danke für eure Zeit. Mobilität auf dem Land, ein sehr spannendes Thema! Ihr habt euch entschieden, euch ein Job-Auto zu teilen. Wer hatte die Idee und wie habt ihr zueinander gefunden? Gab es eine Initialzündung?

Therese: Wir sind Nachbarn in Lette und gute Freunde. Innerhalb des DIEK-Projektes gab es ein Mobilitätsworkshop, wo wir mitgearbeitet haben. Dann haben wir immer weiter darüber nachgedacht. Im ersten Schritt wollten wir damals aufschreiben, wie oft unsere Zweitwagen nur zu Hause herumstehen und dann einfach mal testen, ob das klappen könnte. Im Januar 2020 sprang unser Zweitwagen dann aber einfach nicht mehr an und wir haben die Testphase mit dem Zweitwagen von Simon und Claudi gemacht. Die Testphase ging aber auch nur um die 8 Wochen.

Claudia: Genau. Wir haben uns unseren Zweitwagen geteilt, um zu schauen, ob wir damit hinkommen. Klappt das mit drei Autos für zwei Familien, die jeweils noch zwei Kinder haben?

Simon: Ich habe beruflich mit dem Thema Mobilität auch zu tun und hab viel darüber nachgedacht, wie eine alternative Mobilität aussehen kann.

Und dann kam der Punkt, wo ich dachte: Irgendwann müssen wir das einfach mal machen!

Simon Böinghoff

Und dann war das kaputte Auto einfach da. Nach der Testphase hat Corona uns auch sehr in die Karten gespielt, weil wir einfach davon ausgegangen sind, dass nach Corona nichts mehr so wird wie vorher und die Flexibilität in Sachen Homeoffice sich erhöhen würde und auch bleiben wird. Aber auch in der Testphase haben wir für uns festgestellt, dass wir das irgendwie einfach hinkriegen wollen.

Familie Kirsch (links) und Familie Böinghoff (rechts) teilen sich ein Jobauto

Viele Menschen können oder wollen ja ihren Zweitwagen nicht abgegeben, oftmals aufgrund des Arbeitsortes. Wie sehen eure Arbeits- und Lebensmodelle aus? Macht bzw. könnt ihr Homeoffice machen und wie organisiert ihr euch?

Therese: Claudi und ich haben am Anfang eine 2-Tage Woche gehabt, mittlerweile bin ich bei einer 3-Tage-Woche. Mein Mann Markus hat eine 4-Tage-Woche und Simon eine 5-Tage-Woche. Wir haben vorher schon festgestellt, dass gefühlt immer ein Auto vor der Haustür dumm rumsteht.  Also – wir waren nie mit allen Autos unterwegs. Da war aber Homeoffice noch gar kein Thema, denn nur ich habe zu dem Zeitpunkt auch im Homeoffice gearbeitet.

Claudia: Wir wussten von Anfang an, dass der Donnerstag der „Engpasstag“ wird, weil wir an dem Tag alle vier arbeiten sind. Da haben wir dann zuerst einmal geschaut, dass immer einer einen Homeofficetag einlegen kann. Das war auch vor Corona schon möglich, aber wir haben es einfach nicht so genutzt. Wir haben uns aber auch ein Backup überlegt, dass immer einer das einrichten kann.

Simon: Ja genau. Die ganze Palette – Homeoffice, Zug, Arbeitskollege oder –kollegin oder das Fahrrad. Am Ende kann man das bestimmt an einer Hand abzählen, wo es wirklich kritisch geworden wäre. Und dann können wir immer noch auf das Auto von Verwandten zurückgreifen, wenn alle Stricke reißen. Das wäre uns auch nicht zu doof gewesen, zu fragen.

Es wirkt für manche Leute ziemlich aufwendig, sich hier umzustellen und sich öfters einen Plan B zu überlegen. Was war für euch der wichtigste Grund zu sagen, wir wollen das auch einfach schaffen?

Therese: Ich glaube unterschiedlich. Bei mir ist es der Nachhaltigkeitsaspekt. Bei meinem Mann war es der finanzielle Aspekt. Markus ist Controller.

Simon: Nachhaltigkeit und auch irgendwie die Motivation aus unterschiedlichen Kontexten heraus, das Thema Mobilität einfach mal anders zu denken und auch zu gestalten. Kosten zwar auch auf lange Sicht, aber nicht in der Startphase.  Wir haben ja unseren Zweitwagen verkauft und ein E-Kleinwagen als Jobauto angeschafft. Und unseren Wagen haben wir wegen der Coronasituation jetzt auch nicht unbedingt für einen guten Preis verkauft. Unsere Tendenz war eher ideologisch. Wir wollten einfach nicht so viele „Stehzeuge“ hier haben. Irgendwie wollten wir auch einfach mal ein anderes Modell auszuprobieren und damit vielleicht auch andere motivieren, dass auch einfach mal zu machen.

Claudia: Wir fanden das Thema E-Mobilität auch spannend. Ich hätte das jetzt nicht so gut gefunden, wenn wir unseren Diesel geteilt hätten. Ich fand es schon toll, dass wir die Elektromobilität hier ausprobieren können. Für uns ist das schon ein Gedanke, ob wir dann auch irgendwann mit dem Hauptauto umsteigen können. Mit dem Leasingmodell war das jetzt auch eine super Gelegenheit, das einfach mal auszuprobieren. Aber bei uns allen war der Grundgedanke schon, dass wir Ressourcen schonen wollen.

Wie können wir uns die Organisation rund um euer Auto vorstellen?

Auch die Kinder wissen mittlerweile, wie man ein E-Auto betankt

Therese: Das ist unser Jobauto. Das heißt, in erster Linie dient es dazu, uns zur Arbeit zu bringen und weniger die Kinderlogistik zu organisieren. Am Anfang hatten wir feste Tage eingeteilt, die in einem digitalen Kalender standen. Mittlerweile läuft vieles auch spontaner.

Claudia: Wir haben zusätzlich eine extra Carsharing-WhatsApp Gruppe für die spontanen Termine. Da schreiben wir dann einfach rein, wenn wir das kurzfristig haben möchten, um sicherzustellen, dass niemand den Wagen eingeplant hatte. Aber die Priorität ist der Kalender. Man trägt sich ein und nimmt den Wagen dann einfach. Das Aufladen ist manchmal etwas knifflig. Da muss man sich herantasten. Wann muss ich tanken? Wenn Therese z.B. nach Münster fahren muss, kann der Akku nicht nur halb voll sein. 

Simon: Wenn man das Auto jetzt mehreren Familien zur Verfügung stellen würde, wäre das sehr viel administrativer Aufwand. Aber wir sind sehr gut befreundet und wir haben immer Gelegenheit, dass wir darüber sprechen können.

Was war eure größte Herausforderung, wo ihr gedacht habt: Das haben wir uns anders vorgestellt oder das haben wir nicht bedacht oder ist aufwendiger als gedacht?

Therese: Durch Corona profitiere ich persönlich zusätzlich davon, dass ich manchmal erst kurz vorher merke, dass ich das Auto hätte buchen müssen. Ich bin da nicht ganz so konsequent in der Planung.

Claudia: Ich hätte gedacht, dass ich es als störender empfinden würde, dass ich nicht so frei entscheiden kann, wann ich das Auto nehme. Aber das ist gar nicht so. Wir haben natürlich auch noch ein Hauptauto, wenn ich wirklich losmuss. Auch muss man sagen, dass wir von unseren Berufen sehr flexibel sind. Dadurch haben wir kaum Herausforderungen.

Ihr habt euch ein E-Auto geleast, als ihr euch sicher mit dem Sharingmodell wart. Wie regelt ihr die finanziellen Aspekte, welche klassischerweise mit einem Autobesitz zusammenhängt?

Therese: Am Anfang haben wir uns noch überlegt, ob das klappen kann, wenn wir gemeinsam ein Auto kaufen. Man hätte sich dann aber als GbR aufstellen müssen. Wir haben im Endeffekt ganz praktisch gedacht und das Auto läuft jetzt auf uns. Die grundsätzlichen Kosten wie Leasing, Steuern und Versicherung werden halbiert. Die Stromkosten werden nach Verbrauch abgerechnet. Das Auto steht auch bei uns und wird mit Strom aus unserer PV-Anlage versorgt. Wir haben ein kleines Fahrtenbuch, was ein einfacher DIN A4 Zettel ist. Markus macht dann die Abrechnung, wenn dieser Zettel voll ist.

Simon: Da ist viel Hand am Arm. Aber wir sind Freunde und Nachbarn. Dieses Jahr bekommen wir so 20 EURO zurück.

Therese: … also zwei Kisten Bier! Das gute und der Grund, warum das einfach auch gut funktioniert, ist halt einfach auch die Freundschaft. Wir können das einfach regeln.

Was sind die finanziellen Vorteile von eurem Sharingmodell?

Therese: Steuern bezahlen wir gar nicht, weil es ja ein E-Auto ist und wir hatten vorher beide Benziner. Für die Versicherung haben wir einen halben Versicherungsbeitrag gespart.  Der Strom kommt von unserer PV-Anlage, was natürlich günstiger ist. Deswegen sagen wir auch, dass das E-Auto mehr bewegt werden sollte als unsere Hauptautos, weil es einfach das günstigste Auto aktuell ist.

Wenn man die Anschaffung und die laufenden Kosten für das geteilte Auto zusammenrechnen kommen jährliche Kosten von ca. 2.000 EURO zusammen (Überführungskosten, Leasingrate und Versicherung für 3 Jahre). Hätten wir jeder so einen Zweitwagen wären das also 2.000 EURO pro Familie pro Jahr.

Durch das Teilen des Autos hat jede Familie nur 1.000 EURO jährliche Kosten.

Therese Kirsch

Zudem ist der Umstieg von Benziner auf E-Auto vorteilhaft. Wir sparen die Kfz-Steuer und im Vergleich zu Benzinkosten sparen wir ca. 500 EURO pro Jahr bei einer Fahrleistung von 10.000 km (Annahme Benzinkosten von 1,55 EURO / Liter und Stromkosten von 0,3 EURO / kWh)

Was glaubt ihr ist notwendig, dass in das Thema Mobilitätswende noch mehr Fahrt reinkommt?

Simon: Es wäre schön, wenn noch mehr Menschen über Sharingmodelle nachdenken würden und der KFZ-Bestand sich so verringert. Wir kommen mit 4 Erwachsenen auch mit 3 Autos gut zurecht. Es wäre doch schön, wenn noch mehr Menschen bzw. größere Gruppen sich Autos teilen würden. Wenn dadurch in Zukunft 12 Fahrende auch mit 7 Autos klarkommen würden, um Ressourcen einzusparen.

Therese: Ich finde die Variante in Nachbarschaften zu integrieren total gut.

Neubaugebiete wie hier in Lette wären für mich ein prädestiniert, um so etwas voranzutreiben. Hier können bereits in der Planung Freiflächen eingeplant werden und mit Kauf des Grundstückes kann man sich in einer Sharing-GbR einfinden.

Therese Kirsch

Die Stadt kann hier Anreize setzen und man kann Lastenräder und Carsharing zur Verfügung stellen. Dadurch ist die Hürde geringer und das Thema Nachbarschaft ist beim Sharingmodell viel effektiver. Ich selbst würde nicht durch das Dorf laufen, um irgendwo ein Auto abzuholen. Direkt in der Nachbarschaft ist die Hürde geringer.

Vielen Dank für das Gespräch. Ein tolles Sharingmodell, das sicher nicht nur für euch funktionieren kann. Vielleicht ja der Anstoß auch für andere Nachbarn, einfach mal zu testen! Ich wünsche euch weiterhin gutes Gelingen beim Teilen


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