Der schlimmste Fall: Wirtschaften wie bisher?

Wir freuen uns sehr euch heute eine weitere neue Blogreihe vorstellen zu können. Wir wollen uns in Zukunft jeden Monat mit einem wirtschaftlichen oder gesellschaftspolitischen Thema beschäftigen. Kathrin wird euch von Konzepten und Ideen berichten, die Wirtschaft, Demokratie und Ökologie auf der Basis eines anderen Miteinanders neu denken.


Deswegen müssen wir darüber sprechen

Wer an Wirtschaft denkt, denkt wahrscheinlich an Banken, Aktienmarkt und das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Wer an Wirtschaft denkt, denkt vielleicht daran, dass 10% der Erwachsenen in Deutschland mehr als 2/3 des Gesamtvermögens besitzen, an Dumpinglöhne und daran, dass es immer mehr arme Menschen gibt. Vielleicht denkt die ein oder andere auch an das Prinzip der Konkurrenz, dass die Stärkeren gewinnen, und daran, dass Umwelt und Klima offenbar zu den Schwächeren gehören: Die Klimakrise ist die Folge.

Wie können wir das ändern? Wie können wir wirtschaften und dabei die Ressourcen der Menschen und der Erde, unsere Lebensgrundlage, erhalten?

Ist der Mensch für die Wirtschaft da oder die Wirtschaft für den Menschen ?

Aktuell macht Wirtschaft das Geld, ‚das Kapital‘, zu ihrem sinnstiftenden Zentrum. Sie will uns glauben machen, dass sie einem Naturgesetz folgt und dass es keine Alternative gibt. Es ist eine Wirtschaft, die Mensch in ihrem Modell zu jemandem macht, der rücksichtslos, egoistisch und profitgeil ist und die genau dieses Verhalten auch fördert. Die Skrupellosen sind meist die Gewinner. Eine Wirtschaft, die von uns einerseits Hochleistung und Konkurrenzkampf verlangt und die uns andererseits durch Werbung Bedürfnisse einreden will, die wir vorher nicht hatten. Alles soll sich nach ihr richten, Politik soll sich nicht einmischen, es sei denn mit Subventionen.

Aber wo bleibt die Menschlichkeit?

Wenn man darüber nachdenkt, stellt sich die Frage: Was ist mit unseren ganz menschlichen Bedürfnissen? Dem Bedürfnis nach sozialer Gemeinschaft, nach Sinnhaftigkeit, nach sozialer und ökologischer Verantwortung? Bedürfnisse, die uns gerade im letzten Jahr doppelt bewusst geworden sind. Sie spielen wirtschaftlich keine Rolle. Sie werden ignoriert, wenn sie nicht mit Geld gewertet werden können. Denn nur was einen Preis hat, wird von der Wirtschaft statistisch als Leistung erfasst, wenn sie ihren Erfolg misst. Das tut sie mit dem Wert des Bruttoinlandsproduktes.

Was ist ein gutes Maß?

Das Bruttoinlandsprodukt soll die Leistung unserer Gesamtwirtschaft darstellen. Dabei ist seine Aussagekraft sehr eingeschränkt: Es sagt z.B. nichts über die Qualität von Arbeit oder über Lebensqualität aus. Viele Arbeiten, vor allem ehrenamtliche Arbeit oder Care Arbeit, wie Hausarbeit, Kindererziehung oder familiäre Pflegeleistungen, erscheinen darin gar nicht als Wert, dafür aber illegaler Drogenkonsum. Macht so ein Maß dann überhaupt Sinn? Oder könnte es eine umfassendere Definition für die Leistung der Gesamtwirtschaft geben? Und: Was nennen wir einen Erfolg?

5 Frauen gehen vor

Es gibt Vorreiterinnen, die sich vom BIP als alleinigem Maß gelöst haben: Die Länder Schottland, Island und Neuseeland, alle drei mit Frauen an der Regierungsspitze, gründeten 2018 die Gruppe der „Wellbeeing Economy Governments“ (WeGo), 2020 schlossen sich Wales und Finnland an.

Übersetzt wird es mit: „Regierungen der Wohlfahrtswirtschaft“. Sie definieren Fortschritt weiter als nur über den BIP. Und das Entscheidende: Sie handeln auch danach.

In diesen Ländern werden ergänzend zum BIP Faktoren wie z. B. die psychische Gesundheit der Bevölkerung, der Zugang zu Wohnraum und zu Grünflächen oder die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen in das Zentrum der Wirtschaftspolitik gerückt. Zwei Beispiele: In Neuseeland wurden soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz auf dieselbe Stufe gestellt wie wirtschaftlicher Erfolg und Wachstum. In Island wurde das fortschrittlichste Gesetz Europas für Lohngleichheit verabschiedet: Es ist dort schlicht verboten, Männer und Frauen für gleichwertige Arbeit unterschiedlich zu bezahlen.

Und JETZT?

Solange es keine Alternative gibt, wissen es die Menschen nicht besser. Daher ist das Nachdenken über ein alternatives Wirtschaftssystem sehr wichtig. Im Westen kommt das mehr von der Zivilgesellschaft, nicht von der Politik.


Dr. Ha Vinh Tho, Leiter des Zentrums für Bruttonationalglück in Bhutan

Wir können Wirtschaft neu denken, das machen uns zahlreiche Bewegungen vor. Was unter geänderten Prioritäten machbar ist, hat Corona gezeigt. Wir konnten Zeuge werden von Entscheidungen, die vorher undenkbar gewesen wären. Uns steht aber eine noch weitaus größere Katastrophe ins Haus, wenn wir weiter den Klimaschutz zur Nebensache machen.

Was können wir also ändern? Wie können wir unser Wirtschaften so gestalten, dass es keinen Schaden mehr bedeutet für Mensch und Welt? Wie können wir ein anderes Miteinander finden, sodass wir uns gemeinsam dieser Herausforderung stellen? Denn das ist sicher: Wir schaffen es nur gemeinsam.

Wir wollen in dieser Rubrik eure Neugier wecken auf Alternativen, die entwickelt wurden, auf Ansätze, die bereits Verbreitung finden und Modelle, die uns Wege aus der Krise weisen. Und wir wollen die Frage stellen nach dem praktischen Bezug zu Coesfeld.


Quellen und weiterführende Informationen:

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