Capsule Wardrobe: Der nachhaltige Mix-and-Match Ansatz im Kleiderschrank  

Der Kleiderschrank ist voll und trotzdem finden viele Menschen morgens nichts zum Anziehen.  Und sowieso hat man kaum Zeit, um sich die Sachen zusammenzusuchen, denn gerade morgens muss es schnell gehen! Am Ende ist es doch nur das weiße T-Shirt und die blaue Jeans. Der Rest der Bekleidung bleibt im Schrank, wird selten getragen und ist doch produziert worden.

Deswegen müssen wir darüber sprechen

Fast Fashion hat auch unseren Umgang mit Kleidung verändert: wie wir Mode wahrnehmen, was wir anziehen und wie lange wir etwas tragen. Jeder Deutsche kauft etwa 60 neue Kleidungsstücke pro Jahr und trägt diese halb so lange wie vor 15 Jahren. Dabei sind die Kleiderschränke bereits voll: Verschiedene Umfragen
belegen, dass so gut wie jeder Kleidungsstücke im Schrank liegen hat, die nie getragen werden. Kleidung wird ohne großes Zögern gekauft, denn Mode ist günstig zu haben, insbesondere wenn satte Rabatte zur Schnäppchenjagd einladen. Statistiken zeigen, dass trotz des gestiegenen Konsums an Kleidung die Kosten dafür zwischen 2000 und 2015 nur um etwa 10 Prozent gestiegen sind. Weil Mode so günstig ist, ist sie zur Wegwerfware verkommen: Die Trends von heute sind der Müll von morgen. (Vgl. Konsumkollaps durch Fast Fashion, 2017)

7000 Liter Wasser verbraucht die Produktion einer einzigen Jeans. 3500 krebserregende, hormonell wirksame oder anderweitig giftig Chemikalien setzt die Textilindustrie ein, um Rohmaterialien zu bunt bedruckter Kleidung zu verarbeiten. Viele dieser Chemikalien findet man nicht nur im Umfeld der Fabriken, sondern inzwischen rund um den Globus – in der Küstenluft von Südafrika, der Leber von Eisbären und in der Muttermilch. 

Ein Partyoberteil wird laut Greenpeace im durchschnittlich 1,7 Mal angezogen und dann ausrangiert.

Was ist der wahre Wert meiner Kleidung?

Die Formel „Cost per Wear“ (CPW) bedeutet zu Deutsch „Kosten pro Tragen“. Hierbei wird der Preis des Kleidungsstücks durch die Anzahl der Male geteilt, die du es tragen wirst. Wenn du also eine Jeans für 50 Euro kaufst und sie zwei Mal pro Woche im Laufe eines Jahres trägst, bevor du sie weggibst, liegt der Cost per Wear bei rund 50 Cent. Es gibt jedoch einen Haken: Günstigere Jeans oder Kleidungsstücke halten oft nicht so lange. Man kauft deshalb viel öfter ein und der CPW erhöht sich deutlich. Ebenfalls problematisch sind unüberlegte Spontankäufe. Die entsprechende Kleidung wird vielleicht nur zweimal getragen und dann im Kleiderschrank vergessen.

Ein Vergleich: Trägst du eine 50-Euro-Jeans zweimal wöchentlich ein Jahr lang und eine 120-Euro-Jeans zweimal wöchentlich drei Jahre lang, hat die in der Anschaffung teurere Hose den günstigeren CPW. Es ist daher sinnvoll, beim Shopping langfristig zu denken und die wahren Kosten eines Kleidungsstücks zu errechnen. Das hilft, Geld zu sparen, Spontankäufe einzudämmen und Stücke zu kaufen, an denen man lange Freude hat – und zugleich führt das zu mehr Nachhaltigkeit im Kleiderschrank.

So gehts anders: Nachhaltigkeit im Kleiderschrank mit Capsule Wardrobe

Definition: Capsule Wardrobe ist ein Slow Fashion Konzept. Hierbei wird eine reduzierte Anzahl an zeitlosen Kleidungsstücken so zusammengestellt, dass möglichst viele Kombinationsmöglichkeiten vorhanden sind. 

Einfach gesprochen: Du besitzt nur Bekleidungsteile, die untereinander kombinierbar sind, sodass Du jeden Morgen ein Mix-and-Match Prinzip hast. Hierbei kannst Du zum Beispiel mit 33 Bekleidungsteile rund 175 Outfits erzielen. 

Bereits in den 70er-Jahren bot die Londoner Boutique-Besitzerin Susie Faux in ihrem Laden nur hochwertige Mode an, die sich perfekt untereinander kombinieren ließ. In den 80ern wurde dieses Kleiderschrank-Prinzip dann auch in den USA bekannt: Designerin Donna Karan zeigte die “ 7 Easy Pieces”-Kollektion, die lediglich aus sieben Kleidungsstücken bestand, die sich alle gut miteinander kombinieren ließen. (Vgl. Dangmann, 2022)  

Bei dem Capsule Wardrobe Prinzip passen alle Bekleidungsstücke zueinander
Bei dem Capsule Wardrobe Prinzip passen alle Bekleidungsstücke zueinander

Hierbei kann man grob in zwei unterschiedlichen Formen unterscheiden: 

333 Projekt 

2010 hat Courtney Carver das Projekt 333 entwickelt. Hierbei trägt man 33 Teile in 3 Monaten. Das entsprechen 4 Capsule Wardrobes in einem Jahr, was für jede Saison 33 eine Kapsel mit jeweils 33 Kleidungsstücken beinhalten würde.  

Capsule Wardrobe lässt sich allerdings auch mit weniger Bekleidungsstücken realisieren!

10×10 Challenge 

Auch die 10×10 Challenge ist eine Form der Kapsel. Hier benutzt Du innerhalb von 10 nur 10 Bekleidungsteile.  

Im Übrigen kannst Du auch mit einer bestimmten Kapselvariante wie einer Businesskapsel, einer Freizeitkapsel oder einer Sportkapsel erst einmal beginnen. Auch kommt eine Kapsel durchaus mit weniger Bekleidungsstücken aus. Das Prinzip zählt. 

Was sind die Vorteile? 

Der größte Vorteil liegt klar auf der Hand: Die Frage nach dem “Was soll ich bloß anziehen” wird wesentlich schneller beantwortet können. Daneben gibt es aber auch weitere Vorteile: 

  • Das Konzept schafft einen bewussteren Umgang mit dem Thema Bekleidung 
  • Du kommst mit weniger Teilen aus, was Ressourcen schont. 
  • Du findest Deinen eigenen Stil und lässt Dich auch dadurch nicht mehr von jedem Trend mitreißen. 
  • Du kommst nicht ständig in Versuchung, etwas zu kaufen. Nur bei der Erstellung einer neuen Kapsel für das kommende Quartal kaufst Du Dir etwas Neues (Gebrauchtes), wenn es sein muss.  
Es muss nicht alles immer neu sein. Second Hand Läden bieten eine gute Auswahl an Produkten an. Alternativ geht auch Shoppen im Kleiderschrank des Freundeskreises oder auch ausleihen.

Muss ich neue Kleidung kaufen? 

NEIN. Es geht darum, das zu nutzen, was Du bereits besitzt. Mit der Zeit wirst Du ein gutes Gefühl dafür bekommen, was Du gerne trägst und wie Dein Stil ist und kannst Deine Kapsel immer weiter Deinem Alltag und Bedürfnissen anpassen. Auch die Bekleidung muss dann nicht in erster Linie nagelneu sein. Folgende Faustregel kann helfen, wenn Du merkst, dass ein Teil in Deiner Kapsel fehlt:

  1. Kann ich das im eigenen Kleiderschrank shoppen
  2. Gibt es das Oberteil, was Du gerne hättest auch in Second Hand?
  3. Wenn wirklich neu, dann versuche zur erst einmal, Dein Lieblingsteil im Fair Fashion Bereich zu finden.
  4. Gängige Verkaufsportale helfen Dir, Deinen Kleiderschrank mit dem Notwendigsten zu füllen. 

Neben Vinted, Ebay Kleinanzeigen, Momox Fashion und Mädchen Flohmarkt gibt es auch lokale Secondhand Läden. In Coesfeld findest Du beispielsweise den Secondhand Laden „Regenbogen“ in der kleinen Viehstraße.

Und was mache ich zu besonderen Anlässen?

Hier heißt LEIHEN das Zauberwort. Hier ein paar spannenden Ansätze:

  • Unown: Hier kannst Du zwischen einem „Single Lease“ oder einer Mitgliedschaft entscheiden. Die Miete beträgt zwischen 18 EUR und 35 EUR für zwei Wochen.
  • Fairnica: Innerhalb der Membership kannst Du jederzeit 5 Kleidungsstücke oder ein Bundle (Kapsel) bei Dir haben und jederzeit tauschen. Ein Monat Leasing kostet hier 89 EUR.

Ist das nicht irgendwann langweilig? 

Grundlegend kann man sagen, dass bei dem Capsule Wardrobe Ansatz viele Basics zu finden sind. Aber langweilig muss das nicht sein, denn es kommt drauf an, was Du daraus machst. Deine Kapsel wird so individuell sein wie Du selbst und passgenau auf Dich und Deine Bedürfnisse sein. Kleinere Details, die sich immer wieder verändern können, können dem Outfit eine besondere Nuance geben. Dabei ist es egal, ob es sich hierbei um Schmuck, hochgekrempelte Ärmel oder ein etwas anderes Make-up (bei Frauen) handelt. All das kann zu einem neuen Erscheinungsbild beitragen.  

Und JETZT? 

Das Prinzip der Capsule Wardrobe füllt viele Bücher und es gibt einige Digital Creator:innen in den sozialen Medien, die sich nur mit diesem Prinzip auseinandersetzen. Daher möchten wir Dir hier nur einen kurzen und kleinen Überblick geben.  

Der erste Schritt: Was trage ich gerne und welche Farben passen zu mir?

Stilfindung und Planung 

Der erste Schritt ist das Bewusstwerden. Deshalb setze Dich doch einfach mal mit einem Zettel und einem Stift hin und überlege Dir: 

  • Was trage ich wirklich gerne? Worin fühlst Du Dich am wohlsten? Deine Kapsel kann nur dann einen echten Mehrwert bieten, wenn sie gefüllt mit Lieblingsteilen ist.
  • Welches Material mag ich am liebsten tragen? Lassen Plastikoberteile aus Elasthan & Co. dich oftmals schwitzen? Wolle kratzt? Dann gehören diese Materialien nicht in Deine Kapsel!
  • Wie sieht mein Alltag aus? WEr einen Alltag mit Kindern und Hunden hat, braucht seltener ein Businessoutfit. Deine Kapsel sollte zu Dir und Deiner Lebenssituation passen.
  • Welches Farbkonzept steht mir am Besten? Ein wichtiger Punkt, denn Bekleidung wirkt an einem Menschen besonders harmonisch, wenn die passenden Farbwelten beachtet werden. Statt einer teuren Stilberatung kannst Du vielleicht einfach mal schauen, ob Du bereits frei zugängliche Inhalte zu Deinem Farbtyp erhälst.

Neben dem eigenen Kleiderschrank kann auch Pinterest oder Instagram helfen. Am Ende wirst Du Deinen eigenen Stil erkennen und wissen, was für Bekleidungsstücke in Zukunft nur noch in Deinem Kleiderschrank einziehen dürfen.  

Kleiderschrank aussortieren 

Nimm ALLE Kleidungsstücke aus dem Schrank heraus! Du kannst dabei jedes einzelne Teil bewusst in die Hand nehmen und beobachten, was Dein Bauchgefühl dazu sagt.  Dabei hilft das Drei Boxen Prinzip: 

  1. Lieblingsklamotten-Box für Deine absoluten Lieblingsartikel 
  2. Bin-mir-Unsicher-Box für Bekleidung, wo Du Dir noch unsicher bist, weil Du sie z.B. aus einem bestimmten Grund dann doch nicht so oft trägst. 
  3. Kann weg-Box für Kleidungsstücke, wo Dein Bauchgefühl Dir einfach sagt, dass Du sie eigentlich nicht mehr trägst.  

Manchmal hilft es auch hier im Übrigen noch einmal ein paar Ergänzungen in der Analyse zu geben. Denn hier wirst Du merken, was Du noch einmal kaufen würdest und was nicht.  

Capsule Wardrobe weiterentwickeln 

Der Grundstock ist gelegt. Gehe nun ganz in Ruhe Deinen Schrankinhalt durch und überlege, ob Du all Deine nun noch vorhandenen Lieblingsteile problemlos kombinieren und tragen kannst – oder was genau Du noch kaufen musst, um sie anziehen zu können.  

Kleiner Tipp: Am besten räumst Du auch nur noch die Bekleidung wieder in Deinen Kleiderschrank, die Du in der aktuellen Saison tragen magst. Alles andere verstaue in Boxen. So kannst Du passend zur nächsten Saison in Deinem eigenen Kleiderschrank wieder shoppen gehen.  


Literaturverzeichnis 

  • Dangmann, M. (2022, 21. März). Capsule Wardrobe: Die beste Schritt-für-Schritt-Anleitung. GLAMOUR. Abgerufen am 17. Dezember 2022, von https://www.glamour.de/mode/artikel/capsule-wardrobe-schritt-fuer-schritt-anleitung-minimalistischer-kleiderschrank-garderobe 
  • Kopp, Cobbing & Wohlgemuth. (2021, November). Freiwillige Selbstverpflichtung – Ein Mode-Märchen über grüne Fast-Fashion. Greenpeace e.V. Abgerufen am 17. Dezember 2022, von https://www.greenpeace.de/publikationen/20211122-greenpeace-detox-mode-maerchen-pt1.pdf 
  • Greenpeace e.V (2015), Wegwerfware Kleidung: Repräsentative Greenpeace-Umfrage zu Kaufverhalten, Tragedauer und der Entsorgung von Mode https:// www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/ publications/20151123_greenpeace_modekonsum_flyer.pdf 
  • So funktioniert Leasing. (o. D.). UNOWN. Abgerufen am 21. Dezember 2022, von https://unown-fashion.com/pages/how-it-works
  • Bevölkerungsentwicklung und Struktur privater Haushalte. (2022, 16. September). Umweltbundesamt. Abgerufen am 21. Dezember 2022, von https://www.umweltbundesamt.de/daten/private-haushalte-konsum/strukturdaten-privater-haushalte/bevoelkerungsentwicklung-struktur-privater
  • Konsumkollaps durch Fast Fashion. (2017, Januar). Greenpeace.de. Abgerufen am 22. Dezember 2022, von https://greenwire.greenpeace.de/system/files/2019-04/s01951_greenpeace_report_konsumkollaps_fast_fashion.pdf

Susanne

Susanne (Jahrgang 1988) ist Initiatorin des Blogs www.WissenmachtKlima.de und der Klimachallenge. Neben ihrem leicht chaotischen Alltag mit "dem Nachwuchs" und ihrer Berufstätigkeit bei einem IT-Unternehmen, treibt sie die Frage nach einer lebenswerten Zukunft der nächsten Generationen an. Susannes Meinung: Es ist 1,5 Grad vor zwölf! Den Kippelementen ist es egal, ob wir Zeit oder Lust haben unser Leben zu verändern. Wir brauchen einen politischen und gesellschaftlichen Wandel unter Berücksichtigung der wissenschaftlichen Erkenntnisse und Maßnahmen, die JETZT anfangen und nicht erst in fünf Jahren.

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